{"id":63,"date":"2009-06-14T16:36:16","date_gmt":"2009-06-14T14:36:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gerhardschulze.de\/?page_id=63"},"modified":"2023-10-18T16:51:56","modified_gmt":"2023-10-18T14:51:56","slug":"einleitung","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.gerhardschulze.de\/index.php\/bucher\/die-beste-aller-welten\/einleitung\/","title":{"rendered":"Einleitung"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-61\" title=\"diebesteallerwelten\" src=\"https:\/\/www.gerhardschulze.de\/wp-content\/uploads\/diebesteallerwelten.jpg\" alt=\"diebesteallerwelten\" width=\"154\" height=\"250\" \/><\/p>\n<p>In seinen Abhandlungen zur Rechtfertigung Gottes aus dem Jahr 1710 behauptete der Universalgelehrte und Philosoph Leibniz, wir lebten in der besten aller m\u00f6glichen Welten. Dies k\u00f6nne gar nicht anders sein &#8211; trotz des metaphysischen \u00dcbels der Verg\u00e4nglichkeit, des physischen \u00dcbels von Leid und Schmerz und des moralischen \u00dcbels von Ausbeutung und Unterdr\u00fcckung. Sein Buch ist eigentlich ein Glaubensbekenntnis: Weil Gott alles wei\u00df, muss er die beste aller m\u00f6glichen Welten kennen; weil Gott alles kann, liegt es in seiner Macht, sie einzurichten; und weil Gott g\u00fctig ist, tut er dies auch. Diese Abhandlung wurde zu einer der wichtigsten philosophischen Schriften des achtzehnten Jahrhunderts &#8211; am Anfang als Monumet, am Ende als Reibungsfl\u00e4che. Sie war Katalysator einer umfassenden Neubesinnung, die noch immer aktuell ist.<\/p>\n<p>Bis heute sind wir geistige Erben der Wende, die das Denken mit der Aufkl\u00e4rung genommen hat. Nichts pr\u00e4gt die Kultur des Westens so sehr wie die Vorstellung, die beste aller Welten sei noch nicht verwirklicht. Leibniz glaubte, dass man die beste aller Welten immer schon vorf\u00e4nde. Wir denken, dass man sie immer nur suchen k\u00f6nne, ohne jemals dort anzukommen.<br \/>\nGegen Ende des zwanzigsten Jahrhunderts entwickelte sich die Endzeit-Literatur zu einem eigenen Genre: Ende der Kunst, Ende der Geschichte, Ende der Wissenschaft, Ende des Menschen&#8230; Die meist emp\u00f6rte Zur\u00fcckweisung solcher Endzeitdiagnosen zeigt, wie tief die Selbstdeutung als ewig Suchende in uns verwurzelt ist und wie sehr wir die Suche als Teil unseres Wesens begreifen. Die Ank\u00fcndigung ihres Endes wirkt nicht erl\u00f6send, sondern bedrohlich.<\/p>\n<p>Wir suchen. Mehr denn je ist unsere Geschichte das Ergebnis von Selbstbeobachtung, Diskurs, Meinung und Entscheidung, wie widerspr\u00fcchlich und fehlerhaft das, was in unserer K\u00f6pfen vorgeht, auch immer sein mag. Und wir handeln, obwohl das Irrtumsrisiko im selben Ma\u00df w\u00e4chst wie unsere M\u00f6glichkeiten. Wir haben keine Anstrengung gescheut, uns selbst zum Schicksal zu werden.<\/p>\n<p>In seinem Buch Bummel durch Europa aus dem Jahr 1899 beschreibt Mark Twain einen Waldspaziergang an einem Sommertag in der N\u00e4he von Heidelberg. Er suchte sich ein sonniges Fleckchen, setzte sich und betrachtete den Waldboden. \u00dcber das, was er dort sah, verfiel er in langes Gr\u00fcbeln. Zwei Ameisen besch\u00e4ftigten sich mit einer Tannennadel. Jede hielt ein Ende in ihren Zangen und zog nach Leibeskr\u00e4ften daran. Es war ein Geschiebe und Gezerre, behindert durch Wurzeln und abgebrochene Zweige. Schlie\u00dflich schienen sie sich auf eine Richtung geeinigt zu haben. Sie schleppten die Tannennadel ein St\u00fcck weit, machten dann aber unvermittelt kehrt und schleppten sie in die entgegengesetzte Richtung. Endlich kamen sie gut voran und hatten sich offenbar aufeinander eingespielt. Aber da lie\u00dfen sie pl\u00f6tzlich ihr Objekt fallen und gingen eilig ihrer Wege.<br \/>\nIst dies eine Metapher f\u00fcr das, was bei unserer Suche herauskommt? Gewiss, den Vergleich mit den Ameisen, die Mark Twain beobachtet hat, m\u00fcssen wir aushalten. Zu den drei \u00dcbeln, mit denen sich Leibniz besch\u00e4ftigt hat, gesellt sich als viertes das Absurde. Die andere H\u00e4lfte der Geschichte ist freilich, dass die Ameisen doch immer wieder einen Bau zustande bekommen.<\/p>\n<p>Die beste aller Welten: dieser Titel bezeichnet weder ein schon erreichtes noch wenigstens ein irgendwann in der fernen Zukunft erreichbares Ziel. Er charakterisiert lediglich den zentralen Suchbegriff der Kultur des Westens, ein Minimum an Konsens, dem freilich st\u00e4ndiger Zwist \u00fcber die einzuschlagende Richtung entspringt. Empirisch ausgerichteten Wissenschaftlern mag es atemberaubend verwegen vorkommen, die beste aller Welten zum Kristallisationskern von \u00dcberlegungen zu machen, die das kommende Jahrhundert in den Blick nehmen. Das Irrtumsrisiko eines Gedankengangs ist jedoch kein zureichender Grund daf\u00fcr, ihn zu unterlassen. Klar ist freilich, dass es darauf ankommt, einen m\u00f6glichst vielversprechenden Fokus zu w\u00e4hlen. Diesen sehe ich in der Annahme, dass auch die Suchbewegungen der Zukunft durch die kollektive Erfahrung der Moderne gepr\u00e4gt sein werden. Meine Leitfrage ist: Wie k\u00f6nnte eine Fortsetzung der Moderne aussehen?<\/p>\n<p>Im wesentlichen l\u00e4sst sich meine Perspektive als Verbindung von verstehender Soziologie, Existenzphilosophie und Pragmatismus kennzeichnen &#8211; drei Str\u00f6mungen, von denen jede bereits auf eine mehr als hundertj\u00e4hrige Tradition zur\u00fcckschauen kann, aber immer noch aktuell ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In seinen Abhandlungen zur Rechtfertigung Gottes aus dem Jahr 1710 behauptete der Universalgelehrte und Philosoph Leibniz, wir lebten in der besten aller m\u00f6glichen Welten. Dies k\u00f6nne gar nicht anders sein &#8211; trotz des metaphysischen \u00dcbels der Verg\u00e4nglichkeit, des physischen \u00dcbels von Leid und Schmerz und des moralischen \u00dcbels von Ausbeutung und Unterdr\u00fcckung. Sein Buch ist&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"parent":41,"menu_order":2,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"nosidebar.php","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-63","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gerhardschulze.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/63","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gerhardschulze.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gerhardschulze.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gerhardschulze.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gerhardschulze.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=63"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.gerhardschulze.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/63\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":209,"href":"https:\/\/www.gerhardschulze.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/63\/revisions\/209"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gerhardschulze.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/41"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gerhardschulze.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=63"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}