{"id":53,"date":"2009-06-14T16:27:43","date_gmt":"2009-06-14T14:27:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gerhardschulze.de\/?page_id=53"},"modified":"2023-10-18T17:15:13","modified_gmt":"2023-10-18T15:15:13","slug":"einleitung","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.gerhardschulze.de\/index.php\/bucher\/kulissen-des-glucks\/einleitung\/","title":{"rendered":"Einleitung"},"content":{"rendered":"<p>Wovon man nicht sprechen kann<\/p>\n<p>Es gibt zwei Arten von Kulissen: die l\u00fcgnerischen und die spielerischen. Im einen Fall wird die Wirklichkeit drapiert, um Beobachter zu t\u00e4uschen, wie es Potemkin tat, um der Zarin Katharina bl\u00fchende D\u00f6rfer dort vorzuspiegeln, wo eigentlich Armut herrschte. Ein Blender wendet alles Geschick auf, um die Kulissen als echt erscheinen zu lassen. Im anderen Fall soll Wirklichkeit nicht verschleiert, sondern hergestellt werden. Spielerische Kulissen wie Erlebnisparks, Computerspiele oder Filme werden als illusionserzeugende Konstruktionen angeboten und nachgefragt. Dabei gelten Gef\u00fchle, Phantasien, Erlebnisse nicht als Wahrnehmungsst\u00f6rungen, sondern als Wirklichkeit eigener Art.<\/p>\n<p>Vielleicht sind auch die potemkinschen D\u00f6rfer eher so zu interpretieren. Man vermutet n\u00e4mlich, dass Katharina die Gro\u00dfe den wohlmeinenden Bluff von Potemkin durchschaute und ihm insgeheim daf\u00fcr dankbar war. Offenbar hat die ganze Reisegesellschaft, mit der sie 1787 den Dnjepr hinunterfuhr, um ihr Reich zu besichtigen, die an den Ufern aufgestellten Attrappen gepflegter und fortschrittlicher D\u00f6rfer angedeutet: von l\u00fcgnerischen Kulissen in spielerische.<\/p>\n<p>Dass es die Trennung von L\u00fcge und Spiel nicht gebe, dass spielerische Kulissen nur besonders raffinierte L\u00fcgenkonstruktionen seien, ist der traditionelle Argwohn einer \u201eentlarvenden\u201c, \u00fcber die wahren Verh\u00e4ltnisse aufkl\u00e4renden Kulturkritik. Aber der Unterschied zur NS-Propaganda und Sportartikelreklame ist zu gro\u00df, als dass man beides mit demselben Kritikmuster abhandeln k\u00f6nnte. Begriffe wie \u201efalsches Bewusstsein\u201c oder \u201eVerlogenheit\u201c verfehlen zunehmend die Bedeutung heutiger Inszenierungen. Niemand muss die Zeitgenossen dar\u00fcber belehren, dass Werbung, Musikvideos oder gro\u00dfe Sportereignisse etwas vorspiegeln, das es \u201eeigentlich\u201c nicht gibt. Es geht um eine gute Show; die Wirklichkeit jenseits der Inszenierungen steht auf einem anderen Blatt. Der Unterschied zwischen Facts und Fiction ist den Menschen im Alltagsleben gel\u00e4ufiger als vielen Propheten des aufgekl\u00e4rten Bewusstseins.<\/p>\n<p>Der enormen Vermehrung spielerischer Kulissen in den Zonen des westlichen Lebensstils entspricht eine ungekannte Intensivierung des Diskurses \u00fcber das sch\u00f6ne Leben. Orte dieses Diskurses sind Kosmetikstudio und Fitnesscenter, Talkshow und Kneipe, Psychogruppe und Feuilleton, Bekanntschaftsanzeigen und Gespr\u00e4che im Supermarkt. Das Gl\u00fcck wurde zum zentralen Thema einer Suche ohne Ende.<\/p>\n<p>Unbeeindruckt von allen Katastrophenbef\u00fcrchtungen arbeitet sich eine profane Heilserwartung vorw\u00e4rts. Wir versprechen uns buchst\u00e4blich alles, was wir uns w\u00fcnschen k\u00f6nnten \u2013 und bekommen es: Hochgeschwindigkeitsz\u00fcge, intelligente K\u00fchlschr\u00e4nke, Potenz und ganzj\u00e4hrige Sonnenbr\u00e4une. Je mehr M\u00f6glichkeiten man aber hat, desto mehr tritt die Frage nach dem richtigen Gebracht der M\u00f6glichkeiten in den Vordergrund.<\/p>\n<p>Was hei\u00dft in diesem Zusammenhang \u201erichtig\u201c? Im nachmetapyhsischen Zeitalter besteht das H\u00f6chste , f\u00fcr das man im Diskurs noch Respekt einklagen kann, in nichts weiter als dem menschlichen Leben als eine Art Gott \u2013 ihm gilt es zu dienen, von ihm bezieht man seine grundlegenden Ma\u00dfst\u00e4be. Sein oberstes Gebot lautet: \u201eFang etwas mit mir an!\u201c An die Stelle des alten Begriffs der S\u00fcnde hat der Gott \u201eLeben\u201c einen existentiellen Vermeidungsimperativ gesetzt: \u201eVerpfusch mich nicht!\u201c<\/p>\n<p>So klar diese Anweisung ist, so unklar bleibt freilich, wie man sie befolgen soll. Alle Welt macht sich dar\u00fcber Gedanken, jeder ber\u00e4t jeden, man glaubt, zweifelt, verwirft und glaubt erneut. Der Gl\u00fccksdiskurs zieht unsere Sozialwelt in ihren Bann wie ein Gottesdienst.<\/p>\n<p>Dabei w\u00e4chst zwar wegen der Vielzahl der Botschaften st\u00e4ndig die Verwirrung, doch l\u00e4sst sich immerhin eine klare Fokussierung des Gl\u00fccksdiskurses auf zwei Hauptfragen erkennen. Erstens: Wie vermeide ich Ungl\u00fcck? Zweitens: Wie werde ich gl\u00fccklich? Der Akzent der kollektiven Gl\u00fcckssuche liegt in der Gegenwart eindeutig auf der zweiten Frage.<\/p>\n<p>Im Gegensatz dazu empfiehlt Aristoteles aus gutem Grund, es bei der ersten Frage bewenden zu lassen 2. Diese zielt n\u00e4mlich auf konkrete, erforschbare, verhandelbare und in Grenzen planbare Dinge. Die Formen des Ungl\u00fccks sind klar und f\u00fcr alle nachvollziehbar als Krankheit, Armut und Ohnmacht definiert. Um gegenzusteuern, kann man mit einigen Erfolgsaussichten an den objektiven Umst\u00e4nden ansetzen, wenn es auch keine Sicherheit gibt.<\/p>\n<p>Die zweite Frage h\u00e4ngt zwar mit der ersten zusammen. Es ist schwer, gl\u00fccklich zu werden, wenn es einem nicht gelingt, das Ungl\u00fcck abzuwehren. Doch das Vermeiden von Krankheit, Armut und Ohnmacht ist noch keine hinreichende Bedingung des Gl\u00fccks. Wenn man endlich so weit gekommen ist, dass sich die zweite Frage \u00fcberhaupt stellt, betritt man einen Bereich, in dem es ungleich schwieriger ist, erfolgreiche Routinen aufzubauen, sich klare Anschauungen zu bilden, mit anderen \u00fcber Definitionen und Strategien zu reden, gute Ratschl\u00e4ge zu erfragen und zu erteilen. Beispielsweise lassen sich leichter Grunds\u00e4tze dar\u00fcber formulieren, wie ein Verm\u00f6gen aufzubauen w\u00e4re als dar\u00fcber, wie man sich damit ein sch\u00f6nes Leben machen k\u00f6nnte \u2013 der \u00f6konomische Gewinn ist leichter zu planen als der psychische. Ebenso ist relativ eindeutig, was man tun muss, um einer Reihe von Krankheiten vorzubeugen; was man aber f\u00fcr sein Gl\u00fcck tun k\u00f6nnte, wenn man gesund ist, l\u00e4sst sich nur mit gro\u00dfer Ungewissheit vermuten.<\/p>\n<p>Geht es bei der ersten Frage um \u00e4u\u00dfere Gegebenheiten, so fokussiert die zweite das Innenleben. Die Kulissen des Gl\u00fccks sind als Szenarien m\u00f6glichen und w\u00e4hlbaren Innenlebens gedacht.<\/p>\n<p>Fu\u00dfball, Popkonzerte, Werbespots, Fernsehen, Trendsportarten, Eigenheimarchitektur, Automodelle und Cypersex: Soziologisch gesehen handelt es sich bei spielerischen Kulissen (im Gegensatz zu l\u00fcgnerischen) um etwas \u00c4hnliches wie Sprache. Fu\u00dfball etwa ist f\u00fcr die verstehende Soziologie eine Landschaft von Zeichen. Bei einer Reise durch diesen Symbolkosmos \u2013 Stadion, Fankurve, Sprechges\u00e4nge, Rituale auf dem Spielfeld, Interviewmuster, Bildregie im Fernsehen, Formen der Berichterstattung, Kommentare \u2013 teilt sich allm\u00e4hlich die \u00f6ffentliche, einem Millionenpublikum vertraute Kulturbedeutung von Fu\u00dfball mit, ohne jemals explizit zu werden.<\/p>\n<p>Kulissen sind gemeinsam erschaffene und st\u00e4ndig weiterentwickelte Projektionsfl\u00e4chen f\u00fcr Gef\u00fchle, W\u00fcnsche, Phantasien, das Menschsein \u00fcberhaupt. Eine Kernidee des Theaters ist auf das gesamte Alltagsleben \u00fcbergesprungen; Kulissen sind allgegenw\u00e4rtig geworden. Doch obwohl sie jede nur erdenkliche Form annehmen, bringen sie niemand in Verwirrung. Die Interpretation eines Teils der uns umgebenden Wirklichkeit als Inszenierung ist eine schon den Kindern verf\u00fcgbare Kulturtechnik. Die Inszenierungen der Gegenwart sind nicht l\u00fcgnerisch, sondern spielerisch; sie t\u00e4uschen nicht, sondern wollen gestalten; sie sind eine unserer Kultur eigent\u00fcmliche Form von Wirklichkeit. Das Wesen dieser Form besteht darin, dass Menschen sich selbst wirklich machen, indem sie sich in Szene setzen. Wie kommt es dazu? Ein der Besonderheiten der gegenw\u00e4rtigen kulturhistorischen Passage ist die Undeutlichkeit des Selbst f\u00fcr sich selbst. Wer sich durchs Leben k\u00e4mpfen muss, wer also mit der Abwehr des Ungl\u00fccks besch\u00e4ftigt ist, hat keine Schwierigkeiten, seine eigenen Konturen zu erkennen und gewinnt Profil in der Auseinandersetzung mit den Gegebenheiten. Hat man jedoch dieses Stadium hinter sich gelassen, bleibt die Frage, wer man selbst denn eigentlich sei, zun\u00e4chst offen. Weil dies bei sehr vielen Menschen der Fall war und ist, setzte in immer gr\u00f6\u00dferer Breite die Fabrikation von Subjektivit\u00e4tsschemata ein. Die soziale Konstruktion der Wirklichkeit vollzieht sich nun zu einem wesentlichen Teil im Herstellen, Verwenden, Umbauen und Entsorgen von Modulen des Menschseins.<\/p>\n<p>Wohl gibt es auch noch andere M\u00f6glichkeiten der Selbstfindung \u2013 Begegnungen, Gespr\u00e4che, sch\u00f6pferisches Tun, Kontemplation, Hingabe an eine selbstgew\u00e4hlte Aufgabe. Viel wichtiger ist in der Gegenwart aber die Vermarktung von Konstruktionselementen des sch\u00f6nen Lebens. Unsere Kultur bringt lawinengleich immer wieder neue Varianten dieser Form von Selbstfindungsangeboten hervor; sie institutionalisiert Mechanismen des Hervorbringens (Kulturmanagement, Marktforschung, Design, Erotikmessen, Quotenfeedback u. a.) sie ironisiert und reflektiert aber auch st\u00e4ndig ihre Versessenheit auf Kulissen. Grundmotive der Kulturkritik sind popul\u00e4r geworden und finden sich nun als selbstbez\u00fcglicher Bestandteil der kritisierten Kultur wieder, etwa die Bef\u00fcrchtung eines Ungleichgewichts zwischen subjektiver und objektiver Sph\u00e4re: Vergessen wir die Au\u00dfenwelt \u00fcber der Besch\u00e4ftigung mit unserem Innenleben?<\/p>\n<p>Damit befindet sich unsere Kultur in einer Bewegung, die als offener Lernprozess zu verstehen ist. Die altgewohnten Attacken auf die Kulturindustrie werden den Chancen und Risiken dieses Vorgangs schon deshalb nicht gerecht, weil die Gegen\u00fcberstellung von b\u00f6ser Kulturindustrie und guten, wenn auch verblendeten Menschen nicht stimmt. Zu sehr sind wir alle durch W\u00e4hlen und Vermeiden an der Entstehung und Umformung kultureller Muster beteiligt, als dass wir uns durch das Feindbild einiger geldgieriger Drahtzieher aus der Verantwortung stehlen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Weil die Kulissenwelt den Raum des Menschm\u00f6glichen inzwischen so dicht besetzt hat, dass jeder nur m\u00f6gliche Gegensatz darin enthalten ist, geh\u00f6rt der Widerwillen, die schroffe Ablehnung, die Flucht zu den \u00dcberlebenstechniken in unserem Alltagsleben. Dem schnellen Weiterzappen des Motorsportgegners, der versehentlich in der \u00dcbertragung eines Autorennens gelandet ist, entspricht das Hohngel\u00e4chter des Technofans, der sich beim Einschalten seines Autoradios f\u00fcr kurze Zeit in eine Sendung mit deutschen Kunstliedern der Romantik verirrt hat. In der Kulissenwelt herrscht \u00e4sthetische Demokratie, wenn sich auch viele gegenseitig unertr\u00e4glich finden. Die Unterscheidung von gutem und schlechten Geschmack ist Privatsache geworden; alle Versuche wieder eine allgemein anerkannte Hierarchie der Stile einzuf\u00fchren, sind zum Scheitern verurteilt.<\/p>\n<p>Wie kann man in dieser Situation \u00fcberhaupt noch \u00fcber kulturelle Muster reden? \u00dcbrig geblieben sind zwei Hauptformen: zum einen die \u00e4sthetische Selbstvergewisserung, in der Erlebnisse zur Sprache gebracht werden, also die Artikulation des jeweils eigenen Geschmacks; zum anderen die kultursoziologische Beschreibung der \u00e4sthetischen Praxis, das Herausarbeiten von Grundmustern, die sich in zahllosen Episoden wiederholen. Die erste Diskursform geh\u00f6rt unmittelbar zur \u00e4sthetischen Praxis dazu, die zweite nicht. Dass beides h\u00e4ufig miteinander vermengt wird, dass also Kulturbeschreibung oft mit dem Gestus allgemeinverbindlicher Geschmacksbewertung und n\u00f6rgelnder Stilkritik daherkommt, wirkt wie eine Marotte unbelehrbarer Lehrer, auf die kaum noch jemand h\u00f6rt.<\/p>\n<p>Kulturbeschreibung vollzieht sich inzwischen vor allen in kommerziellen Zusammenh\u00e4ngen. Die zeitdiagnostische Deutungskompetenz der Macher und ihrer Berater entscheidet \u00fcber den wirtschaftlichen Erfolg von Konsumg\u00fctern, Veranstaltungen und Medienprodukten. Zumindest intuitiv m\u00fcssen die Kulissenbauer dazu f\u00e4hig sein, aktuelle Tendenzen des Menschseins zu erf\u00fchlen; sind sie es nicht, droht ihnen der Konkurs.<\/p>\n<p>Jenseits dieser \u00f6konomisch orientierten Gegenwartsdeutung liegt das Feld der Kultursoziologie. Ihr Ziel ist, implizite Elemente gegenw\u00e4rtiger kultureller Formen explizit zu machen, damit sie der Reflexion und einer bewussten Entscheidung daf\u00fcr oder dagegen zug\u00e4nglich werden. Diese Entscheidung selbst ist aber schon nicht mehr Sache der Kultursoziologie. Es gibt daf\u00fcr keine verbindlichen Grundlagen, und der pers\u00f6nliche Geschmack des Kultursoziologen ist nicht erw\u00e4hnenswert.<\/p>\n<p>Es scheint allerdings, dass nichts schwieriger ist als Zur\u00fcckhaltung in \u00e4sthetischen Fragen. Jedem seinen eigenen Geschmack zuzubilligen, geh\u00f6rt inzwischen zwar zum guten Ton, doch die pflichtschuldige Relativierung eigener Geschmacksurteile ist immer nur ein Lippenbekenntnis, das unser ungeniertes, soziologisch nicht zu erreichendes Innenleben \u00fcbert\u00f6nen soll. Unsere Emotionen k\u00fcmmern sich nicht um scharfsinnige Analysen; sie wollen nicht verstehen, sondern verstanden werden, und die Appelle an unsere \u00e4sthetische Toleranz erreicht nicht die Tiefenbereiche des Stammhirns: jene Regionen, wo Begeisterung und Ekel herkommen. Im Verh\u00e4ltnis zum Kulturimperialismus des eigenen Standpunkts ist alle Relativierung nur eine rhetorische Floskel, alle \u00e4sthetische Toleranz nur ein Handtuch, das man schnell \u00fcber die Physiognomie des Widerwillens wirft. Dort, wo es in uns nicht mehr denkt, sondern f\u00fchlt, stehen wir voll Verachtung vor den Geschmacksverwirrungen der anderen und sind voll Anbetung f\u00fcr unsere eigenen Fetische.<\/p>\n<p>Selbst bei besonders reflektierten Zeitgenossen erweisen sich die von ihnen selbst geforderten Umgangsformen eines gereiften Relativismus schnell als br\u00fcchig. Uns allen ist es beispielsweise zuwider, wenn uns jemand mit schlechten Scherzen zum Lachen zu bringen versucht. Doch niemand kann verbindlich klarstellen, was eigentlich unter einem schlechten Scherz zu verstehen ist. Im Lachen und in seiner Verweigerung zeigt sich der \u00e4sthetische Despot in uns besonders unverf\u00e4lscht. Dass sich etwa Norbert Bolz immer wieder als Konstruktivist zu erkennen gegeben hat, bewahrte ihn nicht davor, sich in einem exzellenten Artikel \u00fcber Comedy objektivierender Begriffe wie \u201eguter\u201c und \u201eschlechter Geschmack\u201c zu bedienen . F\u00fcr uns Intellektuelle ist es immer nur ein kleiner Schritt vom Geltenlassen des \u00c4rgernisses anderer Stile zur alten hochkulturellen \u00dcbereinkunft der geistigen Elite: dass das, was die Wissenden gut finden, auch gut ist, und was sie schlecht finden, anderen nur gut scheint.<\/p>\n<p>Im dagegen ank\u00e4mpfenden Versuch, die \u00e4sthetische Praxis fremder Milieus ernst zu nehmen und zu respektieren, \u00e4hneln sich Kommerz und Soziologie, doch die Soziologie geht einen Schritt weiter. Ihr besonderer Beitrag besteht in der distanzierten Betrachtungsweise. Das Hauptanliegen der Soziologie ist dialektischer Art: die Frage nach dem unerkannten, versteckten, vergessenen Anderen zu stellen.<\/p>\n<p>Es gibt viele M\u00f6glichkeiten, \u00fcber die Kulissen des Gl\u00fccks dialektisch nachzudenken. Die unwichtigste davon w\u00e4re, nach weiteren, noch nie gesehenen Varianten zu suchen, denn dieses Gesch\u00e4ft betreiben schon genug andere mit aller Intensit\u00e4t. Dagegen gibt es einen gro\u00dfen kaum erkannten Bedarf, den Gegenpol zu den Kulissen des Gl\u00fccks zu beleuchten, dem sie erst ihre Existenz verdanken: das gl\u00fcckssuchende und erlebende Subjekt. Von diesem ist zwar unentwegt die Rede, sodass man meinen k\u00f6nnte, hierzu g\u00e4be es kaum noch Neues zu sagen. Doch mit dieser Einsch\u00e4tzung kommt genau der Irrtum zur Sprache, der den Bedarf verursacht, neu \u00fcber den Einzelnen im Verh\u00e4ltnis zu den Kulissen des Gl\u00fccks nachzudenken.<\/p>\n<p>Zwar ist es richtig, dass noch nie so viel Aufwand getrieben wurde, um den unendlichen Differenzierungen des Innenlebens entgegenzukommen. Technik und Markt sind extrem subjektreagibel geworden, sodass sich jeder seine eigene Szenerie zusammenmontieren kann. Was den Einzelnen ausmacht und worin sein Gl\u00fcck besteht, schl\u00e4gt sich dieser Denkweise zufolge in der Komposition des Gew\u00e4hlten nieder. Das Gl\u00fcck eines Menschen wird mit dem Ensemble seiner nach pers\u00f6nlichen Geschmack zusammengestellten Kulissen gleichgesetzt: sein Auto inklusive Extras, der durchschnittliche Inhalt eines K\u00fchlschranks, sein Kleiderbestand, sein Pfad durch Restaurants, Kneipen, Diskotheken, Veranstaltungen, seine Reisen und Aufenthalte an fremden Orten, sein Musik-Menue, seine Auswahl aus dem Angebot der Medien- &#8211; Bilder, Texte, Gesichter, K\u00f6rper und Geschichten. Die Individualisierung der Komposition von Kulissen und die weit gehende Freiheit des W\u00e4hlens, Vermeidens, Entsorgens und Auswechselns legen den Schluss nahe: Ich bin, womit ich mich umgebe.<\/p>\n<p>Aber das Ich ist wesensm\u00e4\u00dfig was anderes. Es manifestiert sich zwar im Gew\u00e4hlten; es begeistert sich f\u00fcr Botschaften, die etwa im Design einer Einbauk\u00fcche zum Ausdruck kommen; es l\u00e4sst sich zu Phantasien anregen; es nutzt die Szenarien des Erlebens. Es gibt aber einen Bereich des Ich, der jenseits aller Kulissen des Gl\u00fccks liegt: der Bereich absoluter und unaufhebbarer Einzigartigkeit.<\/p>\n<p>Ein zentrales Paradox der gegenw\u00e4rtigen Kultur liegt darin, dass einerseits die Kultivierung des Singul\u00e4ren zum Programm von jedermann geworden ist (\u201eIch bin auf der Welt, um ganz ich selbst zu sein\u201c), andererseits aber genau dies zum Gegenstand von Diskurs und \u00f6ffentliche Inszenierung wurde.<\/p>\n<p>F\u00fcr das Selbstsein wird alles nur Erdenkliche getan. Man redet ununterbrochen dar\u00fcber. Man psychologisiert, l\u00e4sst sich von Therapeuten auf die Spr\u00fcnge helfen und liest Ratgeber. Tendscouts und Marktforschungsinstitute sp\u00fcren den aktuellen Bewegungen der Subjektivit\u00e4t nach. Popstars, Models, Politiker, Sportler und andere prominente Figuren versorgen die \u00d6ffentlichkeit mit immer wieder neuen Schemata des Menschseins. Die Versicherung der Einzigartigkeit wurde zur Standardfloskel, ob es nun um Motorr\u00e4der, Zigaretten, Reisen, Kino oder um die Alterversorgung geht. Gerade dadurch aber, dass Individualit\u00e4t so intensiv diskutiert, beschworen, erforscht, angeboten und zugesichert wird, droht sie in Vergessenheit zu geraten. Die Kulissen des Gl\u00fccks sind \u00f6ffentlich, das gesuchte Gl\u00fcck dagegen privat.<\/p>\n<p>\u201eWovon man nicht sprechen kann, dar\u00fcber muss man schweigen\u201c4 \u2013 wir tun aber trotzdem so, als ob man dar\u00fcber reden k\u00f6nnte. Die Folge ist, dass sich das, wor\u00fcber man tats\u00e4chlich sprechen kann, in den Vordergrund schiebt, und das zu verblassen droht, wor\u00fcber man schweigen muss. Im Diskurs \u00fcber das pers\u00f6nlich empfunden Gl\u00fcck kann es immer nur \u00fcber diskursf\u00e4hige Dinge gehen, etwa um empirisch feststellbare Korrelate des Gl\u00fccks, um beschreibbare Wege der Ann\u00e4herung, um grobe Klassifikationen von Gef\u00fchlen, um anthropologische Universalien, um endokrine Aussch\u00fcttungen, um \u00f6ffentlich sichtbare Inszenierungen. Der Diskurs muss jedoch immer vor dem inneren Bezirk des Erlebens Halt machen.<\/p>\n<p>Viele lassen sich vom Diskurs \u00fcber das sch\u00f6ne Leben zwar den Weg zu ihrem inneren Bezirk zeigen und gruppieren die Kulissen des Gl\u00fccks vor dem Eingang. Sie vers\u00e4umen es dann aber, in vollem Bewusstsein hineinzugehen. Die Aufmerksamkeit bleibt oft nur auf das \u00d6ffentliche fixiert, w\u00e4hrend das Private als Nebensache, wenn nicht gar als St\u00f6rung behandelt wird. Kennzeichnend f\u00fcr unsere Kultur ist ein h\u00e4ufiger Widerspruch zwischen Wollen und Handeln. Man will seine Einzigartigkeit ausleben, doch gerade die auff\u00e4lligsten Wegweiser zu diesem Ziel f\u00fchren daran vorbei.<\/p>\n<p>Gewiss l\u00e4sst sich damit leben; die Entscheidung aber, ob man tats\u00e4chlich auch so leben will, setzt zun\u00e4chst voraus, dass man den kulturtypischen Widerspruch zwischen Wollen und Handeln kennt und das Andere versucht: die unaufhebbare Einsamkeit des Ich zu kultivieren und mit der \u00d6ffentlichkeit von Gl\u00fccksdiskurs und Kulissenwelt zu verbinden. Nicht diese beiden Pole \u2013 Singularit\u00e4t und Gemeinsamkeit \u2013 machen den Widerspruch aus, sondern das Ignorieren der Polarit\u00e4t im Zusammenhang eines Lebensentwurfs, der sie implizit voraussetzt.<\/p>\n<p>In einer ganz anderen Zeit lebend besch\u00e4ftigte sich Montaigne mit dem gleichen Gegensatz. \u201eWenn ich schreibe, verzichte ich weitgehend auf die Gesellschaft der B\u00fccher, damit sie die Darstellung meiner Gedanken nicht unterbrechen \u2026 F\u00fcr mein Vorhaben kommt es mir auch zustatten, dass ich in einer l\u00e4ndlichen Gegend schreibe, unter Hinterw\u00e4ldlern, von denen keiner mir helfen oder mich berichtigen kann. In anderer Umgebung h\u00e4tte ich mein Werk besser geschrieben, aber es w\u00e4re minder mein gewesen; ebendarin besteht jedoch sein Hauptzweck, seine Vollkommenheit: ganz mein Eigen zu sein\u201c5<\/p>\n<p>Nur scheinbar geht es hier um etwas anderes als etwa bei einer Pauschalreise nach Las Vegas. Das Schreiben steht in der gleichen Spannung zwischen Privatheit und \u00d6ffentlichkeit wie das Projekt des sch\u00f6nen Lebens. Wenn ich wirklich zum Autor meines Lebens werden will, tue ich gut daran, es gelegentlich Montaigne gleichzutun und jenen inneren Bezirk aufzusuchen, \u201ein dem keiner mir helfen oder mich berichtigen kann.\u201c Montaigne begreift Einsamkeit als Teil der Lebenskunst. Freilich zieht er sich nicht in sich selbst zur\u00fcck. Er kennt die Welt und die B\u00fccher, aber er bleibt nicht dabei stehen. Montaigne ist ein beispielhafter Wanderer zwischen Privatheit und \u00d6ffentlichkeit. Seine Konzentration auf sich selbst bedeutet nicht, dass er alles andere ausblenden w\u00fcrde. Die liefe ebenfalls auf ein Ignorieren der Polarit\u00e4t hinaus, nur unter umgekehrten Vorzeichen. Wie beim Schreiben kommt es auch beim Umgang mit den Kulissen des Gl\u00fccks darauf an, zwischen innen und au\u00dfen zu wandern.<\/p>\n<p>In den folgenden Texten taucht die Spannung zwischen innen und au\u00dfen und das labile Gleichgewicht zwischen den beiden Polen in verschiedenen Facetten auf. Das Buch ist nicht als systematische Untersuchung angelegt, sondern als eine Folge von Streifz\u00fcgen: Ann\u00e4herungen an verschiedene Auspr\u00e4gungen eines zentralen Aspekts der gegenw\u00e4rtigen Kultur. Die Unterschiedlichkeit der Themen bedingt zwar einerseits jeweils andere Beobachtungen und \u00dcberlegungen, andererseits werden aber gerade dadurch Grundmuster der sozialen Wirklichkeit erkennbar. Wie Leitmotive wiederholen sich bestimmte Beschreibungsformeln von Kontext zur Kontext: Folklorisierung, Kreislauf von Subjektiven, Marktgeschehen als Diskurs, Rationalisierung des Erlebens, Subjektzentrierung, Singularit\u00e4t des Ich, kollektives Lernen. Dass die Texte aneinander anklingen, ist nicht als Redundanz, sondern als soziologischer Hinweis zu werten.<\/p>\n<p>Der auf diese Einleitung folgende Beitrag besch\u00e4ftigt sich mit dem Widerspruch von Intimit\u00e4t und Inszenierung. Im daran anschlie\u00dfenden Aufsatz wird die Entwicklung des Lachens in den neunziger Jahren als Anzeichen einer Ann\u00e4herung an das Private im Zeichen der Ironie interpretiert. Eine weitere Abhandlung reflektiert die gemeinsame Konstruktion von Kulissen des Gl\u00fccks in einem marktf\u00f6rmig organisierten Diskurs zwischen Medienanbietern und \u2013nachfragern. Der dann folgende Beitrag geht \u00fcber die Welt der Medien hinaus; er widmet sich allgemein der Eventfolklore. Der letzte Beitrag des Buches kn\u00fcpft an die Einleitung an. Sein Thema ist das, wovon man nicht sprechen kann \u2013 die subjektive Einzigartigkeit. Der Epilog umkreist dieses Thema durch einige Bemerkungen \u00fcber das Bett.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wovon man nicht sprechen kann Es gibt zwei Arten von Kulissen: die l\u00fcgnerischen und die spielerischen. Im einen Fall wird die Wirklichkeit drapiert, um Beobachter zu t\u00e4uschen, wie es Potemkin tat, um der Zarin Katharina bl\u00fchende D\u00f6rfer dort vorzuspiegeln, wo eigentlich Armut herrschte. 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