{"id":329,"date":"2011-02-03T08:39:26","date_gmt":"2011-02-03T07:39:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gerhardschulze.de\/?page_id=329"},"modified":"2023-10-18T16:48:57","modified_gmt":"2023-10-18T14:48:57","slug":"einleitung","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.gerhardschulze.de\/index.php\/bucher\/krisen-2\/einleitung\/","title":{"rendered":"Einleitung"},"content":{"rendered":"<p><strong>Worum es geht<\/strong><\/p>\n<p><em>Im Anblick der Gefahr<\/em><\/p>\n<p>Die Rettungsboote auf der Titanic reichten nicht aus. Trotzdem w\u00e4re in einigen von ihnen noch Platz gewesen, und zwar in den ersten, die zu Wasser gelassen wurden. Zu diesem Zeitpunkt ignorierten die meisten Passagiere den Alarm. Die Titanic galt als unsinkbar, und mit ihrer Atlantik\u00fcberquerung sollte sie einen neuen Geschwindigkeitsrekord aufstellen. Niemand hatte das Risiko der Eisberge ernst genommen, und selbst als die Kollision erfolgt und der Risikofall eingetreten war, \u00e4nderte sich erst einmal nichts an der allgemeinen Unbesorgtheit. Wenig sp\u00e4ter neigte sich die Titanic nach vorne, das Deck wurde zur schiefen Ebene. Nun war es zu sp\u00e4t. Die Menschen auf dem Schiff str\u00f6mten nach oben zum Heck, w\u00e4hrend der Bug bereits versank. Schlie\u00dflich stand das Schiff senkrecht im Wasser und schoss in die Tiefe.<\/p>\n<p>Der Untergang der Titanic ist eine gern zitierte Metapher f\u00fcr die Zukunft des Raumschiffs Erde. L\u00e4ngst gilt auf diesem Schiff Alarmstufe rot, das Gef\u00fchl des drohenden Untergangs beherrscht die Krisendiskurse des 21. Jahrhunderts. Wer heute den Alarm in Frage stellt, muss mit der Emp\u00f6rung der Alarmierten rechnen: Es gehe schlie\u00dflich um Leben und Tod. Das ist m\u00f6glich; trotzdem ist immer \u00fcber das Zustandekommen des Alarms zu reden, soviel Zeit muss sein. Das ist mein Ausgangspunkt.<\/p>\n<p>Vehement ist Kant der Behauptung, etwas sei zu kompliziert f\u00fcr Laien und m\u00fcsse dem Urteil der Experten \u00fcberlassen werden, mit seiner Aufforderung zum Selbstdenken entgegengetreten. Schon ein paar Stunden und ein Internetzugang gen\u00fcgen f\u00fcrs Erste, um sich angesichts einer behaupteten Gefahr eine eigene Meinung zu bilden, worum auch immer es sich handelt.<\/p>\n<p>Zur Beunruhigung findet jeder, der am Weltgeschehen teilnimmt, fast t\u00e4glich Anlass. Die absolute Zahl der Hungernden und extrem Armen nimmt zu. Der Regenwald wird abgeholzt. Viele L\u00e4nder vernachl\u00e4ssigen den Umweltschutz. Zweieinhalb Milliarden Menschen haben zu Hause kein flie\u00dfendes Wasser. AIDS und Malaria sind weiter auf dem Vormarsch. Die Finanzkrise ist nicht \u00fcberwunden, von der Krise der Europ\u00e4ischen Union ganz zu schweigen. Die Weltbev\u00f6lkerung w\u00e4chst nach wie vor, w\u00e4hrend die Bev\u00f6lkerung in den alten Industrienationen schrumpft. Terroranschl\u00e4ge sind \u00fcberall zu bef\u00fcrchten. Globale Pandemien drohen.<\/p>\n<p>Hinzu kommen Naturkatastrophen und Mega-Unf\u00e4lle. Welche Lektion hielt die im April 2010 von Island \u00fcber Europa treibende Wolke voller Vulkanaschepartikel f\u00fcr die gestrandeten Passagiere in den Flugh\u00e4fen Europas bereit? In einem riesigen System wie dem internationalen Flugverkehr, so wieder einmal die Botschaft, ist nichts so gewiss wie der St\u00f6rfall. Gro\u00dfe Technik, gro\u00dfe Zusammenbr\u00fcche. Der Flugverkehr hatte sich noch nicht normalisiert, da sank schon die Bohrinsel von BP im Golf von Mexiko. Unfassbare drei Monate lang str\u00f6mte eine Unmenge von \u00d6l ins Meer. Am Ende aller raffinierten Gro\u00dftechnik scheiterten die Ingenieure ein ums andere Mal an einer Herausforderung, die in ihrer Schlichtheit wie ein Hohn erscheint: ein Loch zu stopfen.<\/p>\n<p>Dieses Fiasko steht f\u00fcr viele andere. Nicht nur bei der \u00d6lkatastrophe im Golf von Mexiko stellte sich bald heraus, dass sie durchaus vermeidbar gewesen w\u00e4re. \u201eEs wird schon gut gehen\u201c: Das zust\u00e4ndige Amt zur Verwaltung der Bodensch\u00e4tze der USA hatte den Bock zum G\u00e4rtner gemacht; es gab BP und dem P\u00e4chter der Bohrinsel in blindem Vertrauen freie Hand. \u201eEs wird schon gut gehen\u201c: Auch der Zusammenbruch von Lehmann-Brothers 2008 und das Griechenlanddebakel 2010 waren mitnichten Naturereignisse wie der Vulkanausbruch auf Island. Im Nachhinein erwiesen sich beide Crashs als vorhersehbar und vermeidbar.<\/p>\n<p>Und doch gaben sich die Experten, die Ratingagenturen, die Aufsichtsbeh\u00f6rden und die Regierungen vor der kopfsch\u00fcttelnden Welt\u00f6ffentlichkeit \u00fcberrascht. Niemand k\u00f6nne eben in die Zukunft sehen, hie\u00df es zun\u00e4chst. Nach und nach zeigte sich allerdings, dass nicht Unvorhersehbarkeit das Problem war, sondern eine Batterie von Rauchkerzen: Sch\u00f6nf\u00e4rberei, Dummheit, Gewohnheit, Verschleierung, Desinformation und handfester Betrug. Und welche Rolle spielten die Medien im Vorfeld? Von Ausnahmen abgesehen, spiegelten sie all dies wieder, statt es aufzudecken.<\/p>\n<p><em>Lob der Skepsis<\/em><\/p>\n<p>Alles in allem bringt dieses Panorama eine akute Wissensnot zum Vorschein. Das Nichtwissen \u00e4u\u00dfert sich als Sicherheitsillusion in der ignoranten Ruhe vor dem Sturm und als Ratlosigkeit nach dem Ausbruch der Krise. Es \u00e4u\u00dfert sich aber auch als Ungewissheit \u00fcber die tats\u00e4chliche Gefahrenlage und als Unsicherheit von Rechenmodellen, Computersimulationen und Vorhersagen. Die Ungewissheit \u00fcbertr\u00e4gt sich auf die daraus abgeleiteten Pr\u00e4ventivma\u00dfnahmen und ger\u00e4t gleichzeitig in Vergessenheit. Werden Mittel vergeudet, die an anderer Stelle dringend gebraucht w\u00fcrden? Wird die Illusion einer Interventionsm\u00f6glichkeit erzeugt, die sich bei n\u00e4herem Hinsehen als absurd erweist? Werden Chancen nicht genutzt? Und die Wissensnot w\u00e4chst schneller, als sie sich durch Wissenschaft verringern l\u00e4sst; Technik, soziale Differenzierung und Globalisierung f\u00fchren zu immer gr\u00f6\u00dferer Komplexit\u00e4t.<\/p>\n<p>Dieser Situation kann man am erfolgreichsten mit freiem Denken entgegentreten. Doch das ist leichter gesagt als getan, denn freies Denken bringt \u00c4rger. Ein freier Geist soll konstruktiv sein, daf\u00fcr muss er aber alles beiseite r\u00e4umen, was ihn behindert. Er muss Nein sagen d\u00fcrfen, um Ja sagen zu k\u00f6nnen. Das freie Denken impliziert Skepsis. Daran \u00e4ndert auch der Umstand nichts, dass das Neinsagen dem zuwiderl\u00e4uft, was einem das Gef\u00fchl eingibt. Man muss doch handeln, bevor es zu sp\u00e4t ist; man braucht doch Antworten, keine Zweifel, sagt das Gef\u00fchl. Skepsis ist kontraintuitiv. Umso h\u00f6her ist das Geschenk einzusch\u00e4tzen, das die griechische Philosophie der Moderne mit dem skeptischen Denken hinterlassen hat.<\/p>\n<p>Dass man dieses Erbe allerdings immer wieder neu erwerben muss, um es zu besitzen, gilt f\u00fcr die Skepsis in ganz besonderem Ma\u00dfe. Der Idee nach ist Skepsis eine Lebenshaltung der vorsichtigen, k\u00fchlen Distanz. Egal um welche Sachfragen es geht \u2013 man nimmt f\u00fcr sich in Anspruch nachzufragen, zu pr\u00fcfen und nichts unbesehen zu glauben. Aber diese Lebenshaltung ist stets gef\u00e4hrdet. Nur zu gerne l\u00e4sst man seine Zweifel auf sich beruhen. Skepsis macht M\u00fche, erregt Argwohn und schafft einem Feinde.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem kommt man so gut wie nie an das Ende aller Einw\u00e4nde, Unsicherheiten und Fehlerm\u00f6glichkeiten. Auch Skeptiker m\u00fcssen irgendwann handeln, ohne Gewissheit f\u00fcr sich in Anspruch nehmen zu k\u00f6nnen. Auf mehr als auf eine Erh\u00f6hung der Wahrscheinlichkeit, das Richtige zu tun, k\u00f6nnen sie nicht hoffen. Das aber ist nicht Nichts \u2013 es ist das Beste, was wir bekommen k\u00f6nnen. Genau diesem unbefriedigend scheinenden Zugewinn verdanken wir allen wissenschaftlichen, technischen, \u00f6konomischen und intellektuellen Fortschritt. Dieser Fortschritt ist nicht ohne Risiko zu haben, der Verzicht auf ihn allerdings erst recht nicht.<\/p>\n<p><em>Warnen und Beschwichtigen<\/em><\/p>\n<p>Nun gibt es allerdings, was Krisen betrifft, zwei scheinbar entgegengesetzte Arten der Skepsis, die warnende und die beschwichtigende. Die warnende Skepsis, wie sie im Vorfeld von Finanzkrise oder Eurokrise angebracht gewesen w\u00e4re, stellt sich den Leichtfertigen entgegen, die beschwichtigende den Besorgten. Analytisch gibt es keinen Unterschied zwischen beiden Arten \u2013 in jedem Fall untersucht Skepsis die Qualit\u00e4t von Argumenten und Diskussionen, und in jedem Fall ger\u00e4t sie mit \u00dcberzeugungen in Konflikt. Psychologisch und soziologisch gesehen besteht dagegen eine Asymmetrie.<\/p>\n<p>Die warnende Skepsis wird entweder mit Erheiterung im Mainstream der Optimisten zur Kenntnis genommen oder sie bleibt unbeachtet oder sie wird selbst zum Mainstream und w\u00e4chst sich zu einer kollektiven Welle der Angst aus, die berechtigt oder unbegr\u00fcndet sein kann, besonnen oder panisch, entschlossen oder fatalistisch.<\/p>\n<p>Die beschwichtigende Skepsis dagegen provoziert Unmut, Feindschaft und Verbotsbestrebungen, geboren aus der Entr\u00fcstung der Alarmierten. Zwar geh\u00f6rt Skepsis zum normalen Handwerk der Moderne, doch sobald sie Risiko- und Krisendiskurse hinterfragt, sobald also beschwichtigende Skepsis auf warnende trifft, wird sie aus der Sicht der Alarmierten zum bedrohlichen Vorkommnis. Warnende Skeptiker bleiben Mitglieder der Gemeinde, ob man sie bel\u00e4chelt oder nicht, beschwichtigenden Skeptikern jedoch droht die Exkommunikation, wenn die Gemeinde erst einmal alarmiert ist. Dann ist ihnen der Vorwurf str\u00e4flichen Leichtsinns gewiss. In dieser Ausgrenzung bezeugt sich allerdings ein fundamentales Missverst\u00e4ndnis: Beschwichtigende Skepsis bedeutet nicht Sch\u00f6nreden oder den Kopf in den Sand stecken, sie bedeutet Ernstnehmen und genaues Hinsehen.<\/p>\n<p>Oft wird warnende Skepsis als Hysterie pathologisiert und die beschwichtigende als Verdr\u00e4ngung. Das polemische Vokabular mag angebracht sein oder nicht, sachdienlich ist es auf keinen Fall. So verwandeln sich Diskurse in Diffamierungswettk\u00e4mpfe, deren ewig gleiches Drehbuch jeden um Kl\u00e4rung Bem\u00fchten unendlich langweilt. Dass Skepsis schnell in ein blo\u00dfes Hin und Her zwischen Offensive und Defensive umschl\u00e4gt, in Machtspiel und Gef\u00fchlsaufruhr, beweist aber nicht die Untauglichkeit des Prinzips, sondern nur das Versagen der Debattenredner. Die Perversionen der Skepsis verkehren ihr Anliegen ins Gegenteil, aber das Anliegen bleibt bestehen.<\/p>\n<p>Immer, wenn es darum geht, ein St\u00fcck weiter zu kommen, ist warnende Skepsis am Platz. Und immer steckt man im gleichen Dilemma. Einerseits: Was man auch tut, es kann grundfalsch sein. Andererseits: Wer prinzipiell dem Zweifel nachgibt, kommt niemals weiter. Niklas Luhmann sagt es mit einem Satz: \u201eEs gibt kein risikofreies Verhalten.\u201c<\/p>\n<p>Wer auf eine Warnung h\u00f6rt, riskiert einen entgangenen Gewinn; wer auf eine Beschwichtigung h\u00f6rt, riskiert einen Schaden. Allgemein l\u00e4uft Beschwichtigung immer auf die Versicherung hinaus, eine behauptete Gefahr werde \u00fcbertrieben. Bl\u00e4st man daraufhin den Alarm ab, so kann man sich in einem fatalen Irrtum befinden, der Verm\u00f6gensverluste, Umweltkatastrophen, Pandemien, Kriege oder Mega-Unf\u00e4lle nach sich zieht. Deshalb irritiert beschwichtigende Skepsis die Alarmierten meist viel st\u00e4rker als warnende Skepsis die Optimisten.<\/p>\n<p><em>Die aktuelle Diskreditierung der Skepsis<\/em><\/p>\n<p>In den letzten Jahren wurde der Begriff <em>Skepsis <\/em>zu einer Sammelbezeichnung f\u00fcr Zynismus, B\u00f6sartigkeit, Sich-Bl\u00f6d-Stellen wider besseres Wissen, Tr\u00e4gheit und Doppelmoral. Gemeint war dabei immer nur die beschwichtigende Skepsis. Wenn es brennt, so das Argument, geht es um schnelle Hilfe, und wer mutwillig mit seinem Auto die Feuerwehrausfahrt blockiert, kann nicht mit Sanftmut rechnen. Das Beste, Wertvollste scheint den Gegnern der Skepsis doppelt bedroht. In ihren Augen wird Skepsis zur zweiten, v\u00f6llig \u00fcberfl\u00fcssigen Gefahr, mit der sie sich zu allem \u00dcbel nun auch noch herumschlagen m\u00fcssen. Die erste Gefahr sehen sie in der akuten Bedrohung, die zweite Gefahr im Zweifel am kommenden Unheil.<\/p>\n<p>Durch die Geschichte der Skepsis gleich welcher Art zieht sich eine lange Spur von Spott, Ver\u00e4rgerung, Erbitterung, Wut und moralischer Entr\u00fcstung. Immer bedeutet Skepsis Sand im Getriebe, ihr \u201eMoment mal!\u201c stellt sich dem Lauf der Dinge entgegen. Optimisten verdirbt Skepsis die gute Laune, Alarmierte sehen ihren Rettungsplan gef\u00e4hrdet. Beide Typen optieren lediglich f\u00fcr entgegengesetzte L\u00f6sungen im Dilemma zwischen Gefahr und Stillstand. Denk- oder Redeverbote befreien von Bel\u00e4stigung, doch dieses Dilemma, das die Moderne wie ein Schatten begleitet, schaffen sie nicht aus der Welt. In jeder neuen Lage ist neu zu diskutieren.<\/p>\n<p>Diktaturen oder Gottesstaaten ersticken alle Skepsis im Keim. Aufgekl\u00e4rte moderne Gesellschaften gehen in die entgegengesetzte Richtung. Im Kr\u00e4fteparallelogramm der \u00f6ffentlichen Urteilsbildung darf hier die Stimme derer nicht fehlen, die auf dem Unterschied zwischen Vermutung und Wahrheit bestehen. Ginge es nur um Fragen wie beispielsweise die, ob ein Apfel auf dem Tisch liegt oder nicht, br\u00e4uchte man \u00fcber diesen Unterschied nicht zu reden. Wenn aber von Krisen die Rede ist, gibt es selten blo\u00df die schlichten, unbezweifelbaren Fakten, die jeder sehen kann, der seine Augen und Ohren aufmacht. Der \u00d6lteppich im Golf von Mexiko war die Ausnahme, die Ungewissheit \u00fcber die Langfristfolgen der alles Bisherige \u00fcbersteigenden Finanzhilfen in der Eurokrise 2010 ist die Regel. Von unsicheren Annahmen zum unbezweifelten Wissen ist es psychisch nur ein kleiner, kaum merklicher Schritt, erkenntnistheoretisch gesehen ist es ein Weltensprung.<\/p>\n<p>Darauf hinzuweisen, ist das Gesch\u00e4ft der Skepsis \u2013 und das ist nervt\u00f6tend f\u00fcr alle Beteiligten. Zugegeben: Manchmal gleicht die Skepsis tats\u00e4chlich dem Auto in der Feuerwehrausfahrt. Ja, es gibt sie, die unproduktive, destruktive Skepsis. Sie pervertiert die urspr\u00fcngliche Idee. Wer immer nein sagt, ist unglaubw\u00fcrdig. Das ist aber kein Grund, die Idee \u00fcber Bord zu werfen. Es kommt darauf an, sie richtig einzusetzen.<\/p>\n<p>Die Moderne ist beides: eine Kultur der Krisen und eine Kultur der Freiheit. Gedankenfreiheit hat aber eine positive und eine negative Seite, sie impliziert sowohl das Aufbauende wie auch die Skepsis. Damit droht die Moderne in Widerspruch zu sich selbst zu geraten, denn Krisenerfahrung und Krisenangst wenden sich gegen die Skepsis. Andererseits wird die Skepsis dringend gebraucht, um mit den unvermeidlichen Krisen fertig zu werden.<\/p>\n<p><em>Das M\u00fcndel will Vormund sein<\/em><\/p>\n<p>Also Skepsis gegen\u00fcber der Skepsis? L\u00f6st sich damit nicht das ganze Projekt des Zweifels in nichts auf? Wer soll sich da noch auskennen? Richtig: Wir haben ja unsere Experten \u2013 sollen die doch den Job machen! Was bleibt uns \u00fcbrig, als ihnen zu vertrauen? Doch was so alternativlos erscheint, ist in Wahrheit das Fanal einer Massenflucht vor der M\u00fchsal der Aufkl\u00e4rung, die Kant mit Worten von unnachahmlicher Wucht attackierte:<\/p>\n<p>\u201eFaulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so gro\u00dfer Theil der Menschen, nachdem sie die Natur l\u00e4ngst von fremder Leitung freigesprochen, dennoch gerne zeitlebens unm\u00fcndig bleiben; und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vorm\u00fcndern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unm\u00fcndig zu sein. Habe ich ein Buch, das f\u00fcr mich Verstand hat, einen Seelsorger, der f\u00fcr mich Gewissen hat, einen Arzt, der f\u00fcr mich die Di\u00e4t beurteilt usw., so brauche ich mich ja nicht selbst zu bem\u00fchen. Ich habe nicht n\u00f6thig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrie\u00dfliche Gesch\u00e4ft schon f\u00fcr mich \u00fcbernehmen. Da\u00df der bei weitem gr\u00f6\u00dfte Theil der Menschen \u2026 den Schritt zur M\u00fcndigkeit, au\u00dfer dem da\u00df er beschwerlich ist, auch f\u00fcr sehr gef\u00e4hrlich halte, daf\u00fcr sorgen schon jene Vorm\u00fcnder, die die Oberaufsicht \u00fcber sie g\u00fctigst auf sich genommen haben. Nachdem sie ihr Hausvieh zuerst dumm gemacht haben und sorgf\u00e4ltig verh\u00fcteten, da\u00df diese ruhigen Gesch\u00f6pfe ja keinen Schritt au\u00dfer dem G\u00e4ngelwagen, darin sie sie einsperreten, wagen durften, so zeigen sie ihnen nachher die Gefahr, die ihnen drohet, wenn sie es versuchen, allein zu gehen. Nun ist diese Gefahr zwar eben so gro\u00df nicht, denn sie w\u00fcrden durch einigemal Fallen wohl endlich gehen lernen; allein ein Beispiel von der Art macht doch sch\u00fcchtern und schreckt gemeiniglich von allen ferneren Versuchen ab.<\/p>\n<p>Die Idee einer Delegation des Selbstdenkens an professionelle Dienstleister der Aufkl\u00e4rung beschreibt die gegenw\u00e4rtig h\u00e4ufigste Form der selbstverschuldeten Unm\u00fcndigkeit. Was, rufen die Pr\u00e4zeptoren, das M\u00fcndel will Vormund sein? Doch die Kernidee der Aufkl\u00e4rung war die Abschaffung von Vormundschaftsverh\u00e4ltnissen. So gerne sich die einen \u00fcber die anderen erheben, und so gerne sich auf der anderen Seite viele unterordnen, die Aufkl\u00e4rung hatte eine ganz andere, oft in schierer Verunsicherung endende Form der Herrschaft im Sinn: die Herrschaft von Regeln ohne Ansehen der Person, ob Nobelpreistr\u00e4ger oder nicht.<\/p>\n<p>Die Geschichte der Aufkl\u00e4rung ist auch eine Geschichte von R\u00fcckf\u00e4llen im Zeichen des Fortschritts, von Regelvergessenheit unter Berufung auf die Autorit\u00e4t der Methoden, von Interessenbestimmtheit im Tarnanzug lauterster Sachdienlichkeit. Nichts tr\u00fcbt den Blick auf die eigenen Irrt\u00fcmer mehr als der Kampf gegen die unterstellten Irrt\u00fcmer der anderen. Am Ende geraten die ebenso unvermeidlichen wie ungewissen Voraussetzungen der eigenen Positionen im laufenden Gesch\u00e4ft des Begr\u00fcndens, Verteidigens und Durchsetzens allm\u00e4hlich in Vergessenheit.<\/p>\n<p>Gerade unser Wissen \u00fcber Krisen und Risiken beruht, weit st\u00e4rker als anderes Wissen, auf unsicheren Annahmen. Es steht am Ende eines ertasteten Pfads durch ein Labyrinth mit vielen Verzweigungen. Unm\u00f6glich, ohne Ermessensentscheidungen vorw\u00e4rts zu kommen. Oft muss man seinen Weg zwischen gleich wahrscheinlichen, aber entgegensetzten Alternativen suchen und Wissensl\u00fccken durch blo\u00dfe Postulate f\u00fcllen. Schlie\u00dflich gelangt man zu einem Deutungsversuch, gegr\u00fcndet auf Modelle, bruchst\u00fcckhafte Beobachtungen und k\u00fchne Hypothesen.<\/p>\n<p>Ger\u00e4t dieser Deutungsversuch nun aber in die \u00d6ffentlichkeit, wird er auf Kongressen pr\u00e4sentiert, von den Medien inszeniert, von der Wirtschaft instrumentalisiert und von der Politik implementiert, ist nichts unerw\u00fcnschter als die Erinnerung an seine Entstehungsgeschichte. Schnell f\u00e4llt die Fragw\u00fcrdigkeit des herrschenden Modells einem kollektiven Ged\u00e4chtnisschwund anheim. Auf wundersame Weise wird anf\u00e4ngliche Ungewissheit zum scheinbar sicheren Wissen und abw\u00e4gendes Denken zum Herauspicken der Rosinen: Nur solche Argumente gelten als genie\u00dfbar, die das sichere Wissen st\u00fctzen.<\/p>\n<p><em>Objektivit\u00e4tst\u00fcmelei<\/em><\/p>\n<p>Dieses Buch bezweifelt keineswegs die Notwendigkeit von Krisendiskursen, sondern stellt die Frage nach ihrer Qualit\u00e4t. Daf\u00fcr gibt es einen einfachen Gradmesser, auf den ich mehrfach zur\u00fcckkommen werde: die stets gef\u00e4hrdete Selbstbeobachtung der Diskursteilnehmer. Wissen sie, was sie tun, wenn sie \u00fcber Krisen reden? Wollen sie es \u00fcberhaupt wissen? Kultivieren sie vern\u00fcnftige Regeln, denen sich alle unterwerfen? Lassen sie zu, was sie am meisten \u00e4rgert und gleichzeitig am meisten voranbringt \u2013 Gegenargumente, Zweifel, Kritik?<\/p>\n<p>Die Moral der Krisenkommunikation, gemessen an solchen Fragen, ist im selben Ma\u00df gef\u00e4hrdet, wie das Beschw\u00f6ren von Krisen und Risiken zunimmt, das Vorhersagen, Kommentieren, Planen, Organisieren, Institutionalisieren, Vorschreiben und Verbieten. Wie eine ansteckende Krankheit breitet sich eine Geisteshaltung aus, die nach Jahrhunderten philosophischer M\u00fchen besiegt schien, die Objektivit\u00e4tst\u00fcmelei. \u201eDie Fakten liegen auf dem Tisch!\u201c \u201eDer unbezweifelbare Beweis ist erbracht!\u201c \u201eDas sind keine Vermutungen, das sind objektive wissenschaftliche Ergebnisse!\u201c Objektivit\u00e4tst\u00fcmelei besteht in einer Kombination von Amnesie und Phantasie. Die Befallenen vergessen die stets diskussionsw\u00fcrdigen Voraussetzungen ihres Wissens und bilden sich ein, die Wirklichkeit unmittelbar sehen zu k\u00f6nnen. Paul Watzlawick, der l\u00e4chelnde Verunsicherer aller \u00dcberzeugten, sah in dieser Geisteshaltung eine gef\u00e4hrliche Wahnidee. Ansteckend ist sie, weil sie ihre Verbreiter durchsetzungsstark macht. Im Diskurs gewinnen die Objektivit\u00e4tsillusionisten meist gegen die Skeptiker, denn sie sehen sich im Besitz sicheren Wissens.<\/p>\n<p>Der folgende Essay l\u00e4dt zu einer anderen Betrachtungsweise ein: zur skeptischen Neugier, zur erkenntniskritischen Distanz und zur Pr\u00fcfung der Frage, wie gro\u00df hier eigentlich der Schritt vom Tragischen zum Komischen ist. Es gibt unbequeme Wahrheiten von der Art, wie sie manche Krisendiagnostiker verbreiten, und es gibt den unbequemen Blick auf die Krisendiagnostiker selbst. So ungeb\u00fchrlich dieser Blick denen scheinen mag, auf die er f\u00e4llt, so sehr braucht man ihn doch, sobald jemand behauptet, die Wahrheit zu kennen. Objektivit\u00e4tst\u00fcmelei vergisst den Umstand, dass es meist keine Sicherheit gibt. Wenn sich die Experten weltweit in dem Glauben best\u00e4rken, ihre Theorie sei ein unbezweifelbares Abbild der objektiven Wirklichkeit; wenn sie ihren Konsens f\u00fcr einen schlagenden Beweis halten statt f\u00fcr einen Anlass zum Zweifel; wenn Skeptiker als Leugner angeprangert werden \u2013 dann ist es an der Zeit, sich an Karl Poppers Satz zu erinnern: Alles Wissen ist Vermutungswissen.<\/p>\n<p>\u201eJa, nat\u00fcrlich\u201c, sagen daraufhin alle am Diskurs Beteiligten, \u201edas ist doch nichts Neues f\u00fcr uns.\u201c Doch halten sie sich daran? In diesem Buch trete ich f\u00fcr die Besinnung auf den Vermutungscharakter des Wissens ein, vor allem dann, wenn damit folgenreiche und kostspielige politische Entscheidungen begr\u00fcndet werden, zu denen es vielleicht bessere Alternativen gibt. Es ist ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr die Vorl\u00e4ufigkeit und gegen endg\u00fcltige \u00dcberzeugungen.<\/p>\n<p>Dabei wird es mehr um die Art und Weise des Redens \u00fcber Krisen gehen als um die Krisen selbst: Unter welchen Voraussetzungen sprechen wir von einer Krise? Welche Denkoperationen setzt das voraus? Worauf einigen wir uns, nachdem wir das F\u00fcr und Wider erwogen haben? Wird diese Einigung von Zeit zu Zeit einer kritischen Pr\u00fcfung unterzogen? Solche Fragen sind l\u00e4stig, aber sie sind produktiv, gerade angesichts einer Erdbev\u00f6lkerung von bald sieben Milliarden Menschen. Es ist durchaus richtig, dass wir keine Zeit zu verlieren haben \u2013 vor allem nicht mit Diskursen, in denen die Pose der Gewissheit keineswegs als Versto\u00df gegen die kommunikative Vernunft angeprangert wird, sondern als Ausdruck des richtigen Gesinnung gilt.<\/p>\n<p><em>Was ist mit Krise gemeint? <\/em><\/p>\n<p><em>Krise<\/em> ist wohl eines der am h\u00e4ufigsten verwendeten W\u00f6rter in den Nachrichten und Kommentaren unserer Zeit. Kann man also annehmen, dass alle wissen, wovon die Rede ist? Mitnichten, wie der Vergleich mit anderen Begriffen zeigt. Machen Sie selbst die Probe, bitten Sie jemand, Ihnen nacheinander die Bedeutung von <em>Auto<\/em>, <em>Kaugummi<\/em> und <em>Krise<\/em> zu erkl\u00e4ren. \u201eEin Auto ist ein Fahrzeug mit vier R\u00e4dern, das sich mit Hilfe eines Motors fortbewegt. Ein Kaugummi ist eine Art Bonbon mit Aroma, der sich beim Kauen nicht aufl\u00f6st \u2013 irgendwann hat man ein Problem, ihn loszuwerden. Eine Krise ist \u2026 unter einer Krise versteht man \u2026 Ja, also so etwas wie die Finanzkrise eben.\u201c Alle reden von Krise, aber kaum jemand kann spontan angeben, was genau gemeint ist. Trotzdem verwendet jeder den Ausdruck mit gro\u00dfer Selbstverst\u00e4ndlichkeit und kontext\u00fcbergreifend. Es ist von \u00f6konomischen, politischen, demographischen und \u00f6kologischen Krisen die Rede, von Psychokrisen, Beziehungskrisen und Gesundheitskrisen. Man spricht dar\u00fcber, verwendet den Begriff, jeder wei\u00df Bescheid und doch bringt die Bitte um eine Umschreibung oder Definition die meisten in Erkl\u00e4rungsnot.<\/p>\n<p>Gerade die Verschiedenartigkeit der Kontexte, auf die wir den Begriff <em>Krise<\/em> mit schlafwandlerischer Sicherheit anwenden, hilft uns bei dem Versuch, hinter seine Bedeutung zu kommen. Was haben die verschiedenen Kontexte gemeinsam? Samt und sonders handelt es sich um Wirklichkeitsbereiche, bei denen es einen normalen Gang der Dinge gibt, oder bei denen wir uns das zumindest vorstellen. Krise: damit ist regelm\u00e4\u00dfig gemeint, dass das Normale aussetzt, nicht nur ganz kurz, sondern f\u00fcr l\u00e4ngere Zeit. Ein Wutanfall ist noch keine Psychokrise, ein hei\u00dfer Sommer bedeutet noch keine Klimakrise, und wenn zwei Partner sich mal streiten, ist das ebenfalls noch im Normbereich \u2013 eine Beziehungskrise sieht anders aus.<\/p>\n<p>Nun ist schon klarer, was mit Krise gemeint ist, aber das Wichtigste fehlt noch: Was ist eigentlich <em>das Normale<\/em>? Wie denken wir es? Welches Bild entsteht in unserem Kopf, wenn jemand erz\u00e4hlt, in seiner Beziehung sei alles normal? Beziehungen sind verschieden, \u201enormal\u201c kann also unendlich viel hei\u00dfen. Trotzdem, eines wei\u00df man: Was auch immer geschehen mag, es wiederholt sich.<\/p>\n<p>Dies schlie\u00dft ein kleines Universum ein, nicht nur das t\u00e4gliche Leeren des Briefkastens. In einer Partnerschaft haben wir es mit einem ganzen B\u00fcndel sich wiederholender Episoden zu tun: Aufgabenverteilung, Essensrituale, Urlaubsrituale, Liebesrituale, Rollendifferenzierung, Sprachmuster, Scherzmuster und vieles andere. All dies ist aufeinander abgestimmt, vorhersagbar, stabil f\u00fcr lange Zeit \u2013 bis eine Krise kommt, ausgel\u00f6st durch die \u00fcblichen Verd\u00e4chtigen: Langeweile, Ungerechtigkeit, Vernachl\u00e4ssigung, Fremdgehen oder alles zusammen. Alles wird von der Beziehungskrise erfasst \u2013 der Morgenkaffee, die Arbeitsteilung, das ungezwungene Gespr\u00e4ch. Meist gehen die Partner aber nicht gleich auseinander, sie versuchen es noch einmal, sie hoffen, dass alles wieder vorbeigeht und das stotternde Uhrwerk wieder rund l\u00e4uft.<\/p>\n<p>Allerdings kann auch die St\u00f6rung einer Beziehung \u201enormal\u201c werden und sich wiederholen. Im Krisenbegriff geht es nicht blo\u00df um das Normale an sich, immer schwingt auch eine Unterscheidung zwischen w\u00fcnschenswerten und pathologischen Wiederholungen mit. Krisendiskurse haben immer sowohl eine empirische wie eine normative Komponente.<\/p>\n<p>Von <em>Krise<\/em> spricht man also bei einer St\u00f6rung wiederholter, ineinander greifender Abl\u00e4ufe, und meist verbindet sich damit die Hoffnung auf Besserung und R\u00fcckkehr zu einem akzeptierten, gew\u00fcnschten Normalzustand. Allerdings ist <em>Zustand<\/em> ein etwas irref\u00fchrender Begriff, weil nichts Statisches gemeint ist, sondern ein Hin und Her, ein Flie\u00dfen und aufeinander Reagieren, ein regelm\u00e4\u00dfiges Zusammenspiel.<\/p>\n<p>Diesen Krisenbegriff kann jeder auch auf sich selbst als Einzelperson anwenden: auf den K\u00f6rper mit seinen vielen untereinander verkn\u00fcpften Funktionen oder auf das Bewusstsein im Wachzustand, vorzustellen als Interaktion von Sinneseindr\u00fccken, Sichtweisen, Begriffen, Sprache, Gedanken, Gef\u00fchlen und Botenstoffen. Manche sehen K\u00f6rper und Bewusstsein als System, manche als Maschine, manche als Hardware und Software. Mit solche Metaphern machen wir uns f\u00fcr uns selbst begreiflich; sie sind Modelle, aus denen wir ableiten, ob \u00fcberhaupt eine Krise vorliegt, woran sie zu erkennen ist, was sie herbeigef\u00fchrt hat und wie wir sie \u00fcberwinden k\u00f6nnen. All das zusammen macht das Krisenwissen aus \u2013 ein ebenso kompliziertes wie fehleranf\u00e4lliges Konstrukt.<\/p>\n<p>Wenn es um unseren K\u00f6rper geht, greifen wir auf eindeutige und erfolgreiche Vorstellungen von Normalit\u00e4t und Krise zur\u00fcck. Solche k\u00f6rpergepr\u00e4gten Vorstellungen von Gesundheit und Krankheit wenden viele jedoch auch auf Wirtschaft, Finanzmarkt, politische Kultur, Klima, Bev\u00f6lkerung, Epidemien, Zweierbeziehungen und anderes an. Aber geht das \u00fcberhaupt? Die Paarbeziehung als K\u00f6rper, Maschine, System, <em>Hardware<\/em> und <em>Software<\/em>? Und erst die gro\u00dfen kollektiven Zusammenh\u00e4nge oder das Klima: Wer hier von Krise redet, muss sagen k\u00f6nnen, was er f\u00fcr normal h\u00e4lt. Mit einem K\u00f6rpermodell wird er nicht weit kommen. \u201eAber die Krise spricht doch f\u00fcr sich!\u201c Ja, das denken viele, aber es ist falsch.<\/p>\n<p>In Krisendiskursen entsteht leicht ein Resonanzraum f\u00fcr Rechthaber, deren kognitiver \u00dcberlegenheitsanspruch auf erkenntnistheoretischer Einfalt und wechselseitigem Schulterklopfen beruht. Die scheinbar banale Frage, was denn eigentlich normal sei, geht im Marktgeschrei unter. Theorien des Normalen werden behandelt, als w\u00e4ren sie nicht der Rede wert, doch gerade sie sind besonders voraussetzungsvolle und fehleranf\u00e4llige Konstruktionen. Am undurchsichtigsten sind ausgerechnet die gro\u00dfen Systeme, ausgerechnet sie, die taumelnden, gigantischen Ausgeburten der Moderne, von denen wir uns auf Gedeih und Verderb abh\u00e4ngig gemacht haben.<\/p>\n<p><em>Der Alltagsverstand muss dazulernen <\/em><\/p>\n<p>Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs \u00fcberraschte Stefan Zweig w\u00e4hrend eines Sommeraufenthalts an der belgischen K\u00fcste. Am Strand lagerten Menschen aus ganz Europa und genossen Sonne und Wind. Mit einer Mischung von Belustigung und Schrecken sah Zweig, der zusammen mit Freunden im Caf\u00e9 sa\u00df, pl\u00f6tzlich eine merkw\u00fcrdige Prozession, die sich zwischen den Strandurlaubern hindurchschl\u00e4ngelte: Vorneweg ein Gespann von Sch\u00e4ferhunden, die ein Maschinengewehr auf R\u00e4dern zogen, dahinter einige Soldaten. Sie waren dabei, in den Verteidigungsanlagen an der K\u00fcste Stellung zu beziehen. Das konnte nur bedeuten, dass der Kriegsausbruch unmittelbar bevorstand. Niemand am Strand von Le Coq nahe bei Ostende schien sich an diesem Nachmittag Ende Juli 1914 von dieser Szene st\u00f6ren zu lassen, jeder setzte fort, was er gerade machte. Am n\u00e4chsten Tagen aber waren die Z\u00fcge \u00fcberf\u00fcllt, alle fuhren Hals \u00fcber Kopf nach Hause.<\/p>\n<p>Nur allm\u00e4hlich begriffen die Menschen verschiedener Nationalit\u00e4t, dass sie von jetzt an Feinde waren. Die meisten von ihnen, so Zweig, wussten gar nicht mehr, was dies bedeutete. Der letzte gro\u00dfe Krieg in Europa \u2013 der von 1870\/71 zwischen Preu\u00dfen und Frankreich \u2013 lag \u00fcber vierzig Jahre zur\u00fcck. In der kurzen Zeit zwischen den Sch\u00fcssen von Sarajewo und dem Kriegsausbruch waren die Zeitungen zwar voll von Berichten \u00fcber diplomatische Spannungen, doch daran waren die Menschen gew\u00f6hnt \u2013 es w\u00fcrde schon zu irgendeiner L\u00f6sung kommen. Sie hatten nicht genug Kriegsangst; sie waren nicht alarmiert genug; sie konnten sich nichts Anderes vorstellen, als dass alles so weitergehen w\u00fcrde, wie sie es in den vergangenen Jahrzehnten kennengelernt hatten. So erkl\u00e4rt es sich, dass sie seelenruhig an die K\u00fcste gefahren waren, um den Sommer am Strand zu verbringen; so k\u00f6nnte sich auch die Welle nationaler Euphorie bei Kriegseintritt erkl\u00e4ren. Arglos, ja naiv lie\u00dfen sich die Europ\u00e4er in die gro\u00dfe traumatische Erfahrung am Anfang des 20. Jahrhunderts hineinziehen.<\/p>\n<p>Der erste Weltkrieg war eine Krise des Systems internationaler Beziehungen, die sich bald auch auf andere Systeme ausweitete \u2013 Wirtschaft, W\u00e4hrung, Finanzmarkt, \u00f6ffentliche Ordnung, Produktion, Versorgung, Transportwesen. F\u00fcr die Menschen wurde jede einzelne dieser Systemkrisen im Alltag als Lebensweltkrise sp\u00fcrbar. Die M\u00e4nner waren an der Front, Lebensmittel wurden rationiert, das Geld war nichts mehr wert, Unruhen brachen aus.<\/p>\n<p>Mit dem Begriffspaar von System und Lebenswelt lehne ich mich an J\u00fcrgen Habermas an, der damit seinerseits eine lange soziologische Tradition fortsetzt. System und Lebenswelt sind Formen des Normalen, wie etwa auch Organismen oder Maschinen. Was sie davon unterscheidet, ist der Umstand, dass sie aus dem gemeinsamen Willen von Menschen hervorgehen. Soziale Konstruktionen sind jedoch unberechenbarer und krisenanf\u00e4lliger als biologische oder technische Konstruktionen.<\/p>\n<p>\u00dcber die gro\u00dfen sozialen Systeme wissen die meisten kaum mehr, als dass es sie gibt. Viele von ihnen sind erst in der Moderne entstanden. Sie bereichern die Lebenswelt der Menschen zwar um ungeahnte M\u00f6glichkeiten, aber nur so lange, wie sie funktionieren. Ihre Krisen k\u00f6nnen sich zu massenhaften privaten Katastrophen auswachsen.<\/p>\n<p>In der von Stefan Zweig geschilderten Szene wird die Ber\u00fchrung von System und Lebenswelt auf unheimliche Weise sichtbar, in der Regel aber vergisst man die Zweidimensionalit\u00e4t seines Alltags v\u00f6llig. Man lebt in seiner Wohnung, hat Familie, trifft sich mit Freunden, geht einkaufen, arbeitet und f\u00fchrt den Hund spazieren. Aber wenn man sich dabei f\u00fcr ein zwei Euro f\u00fcnfzig eine Currywurst kauft, denkt man nicht daran, dass dies nur m\u00f6glich ist, weil gleich mehrere gro\u00dfe R\u00e4derwerke weit jenseits des pers\u00f6nlichen Erfahrungshorizonts zusammenwirken: etwa der Markt f\u00fcr Lebensmittel, das Transportwesen, die Aufsichtsbeh\u00f6rden. Die Abh\u00e4ngigkeit der Currywurst von gro\u00dfen Systemen w\u00fcrde den Konsumenten schnell klar, wenn auch nur eines davon versagte, etwa die Europ\u00e4ische Zentralbank, sollte sie mit ihrer Geldpolitik eine Hyperinflation anheizen.<\/p>\n<p>In der Lebenswelt kennt jeder jeden, in den Systemen herrscht Anonymit\u00e4t; in der Lebenswelt kann jeder Einfluss nehmen, in den Systemen f\u00fchren die Experten; die Lebenswelt erf\u00e4hrt man unmittelbar, \u00fcber die Systeme liest man etwas in der Zeitung; die Lebenswelt betrifft den ganzen Alltag, die Systeme haben sich auf jeweils einen Hauptzweck spezialisiert.<\/p>\n<p>Die gro\u00dfen Systeme kamen mit der Moderne. Seitdem leben wir in zwei Welten, doch nur f\u00fcr die Lebenswelt sind wir kognitiv ohne besondere Vorbereitung ausger\u00fcstet. Die geistigen Mittel, die wir brauchen, um uns in ihr zu bewegen, sind uns teils in die Wiege gelegt, teils erwerben wir sie im Alltag. Um dagegen mit den Systemen klarzukommen, m\u00fcssen wir in jeder Generation von neuem nachlernen. Die Hauptschwierigkeit liegt darin, dass Systeme in vieler Hinsicht unserer lebensweltlich geschulten Intuition zuwider laufen. Wer sie verstehen will, muss seine allt\u00e4glichen Wahrnehmungsmuster gegen den Strich b\u00fcrsten.<\/p>\n<p>Untersuchen wir dies etwa am Beispiel der Wirtschaft. In der Lebenswelt spart man Geld, wenn man nur gebrauchte Kleider kauft, im System h\u00e4tte dies den Niedergang der Textilbranche zur Folge. Umgekehrt kann Geldausgeben im System zur multiplen Geldvermehrung f\u00fchren. Die Befremdung unserer Alltagserfahrung setzt sich fort mit dem Teilen und Verteilen: In der Lebenswelt der Familie kommt man am besten mit einer Art friedlichem Kommunismus aus, doch im Wirtschaftssystem haben sich Privateigentum und Markt als weit \u00fcberlegen erwiesen. Besonders schwer zu verstehen ist die entgegengesetzte Bedeutung der Knappheit: In der Lebenswelt ist Mangel ein Problem und S\u00e4ttigung die L\u00f6sung, im System ist es umgekehrt \u2013 ungestillte Bed\u00fcrfnisse sind aus der Systemperspektive \u00f6konomische Ressourcen, die Bed\u00fcrfnislosigkeit aller w\u00e4re der Ruin.<\/p>\n<p>Von den vielen Unterschieden zwischen Lebenswelt und System ist der moralische besonders schwer nachzuvollziehen. In der Lebenswelt rangiert Altruismus vor Eigennutz, zu Recht. In der Wirtschaft dagegen geht es allen umso besser, je eigenn\u00fctziger sich jeder einzelne Akteur verh\u00e4lt \u2013 unter einer Voraussetzung: dass Marktregeln und staatliche Kontrolle diesem Eigennutz feste Grenzen setzen. Wer den Satz akzeptiert, dass die Lebenswelt auf eine prosperierende Wirtschaft angewiesen ist, kann sich kaum der Einsicht entziehen, dass der lebensweltlich beste Wille im System der Wirtschaft zum schlechtesten Ergebnis f\u00fchren kann. So wuchs sich die gro\u00dfe Depression der 1930er Jahre erst richtig zur Katastrophe aus, als die Regierungen begannen, die Bev\u00f6lkerung mit protektionistischen Ma\u00dfnahmen zu \u201esch\u00fctzen\u201c, was zu einem drastischen R\u00fcckgang des Welthandels und zu millionenfacher Arbeitslosigkeit f\u00fchrte. Lebensweltliche Moral kann auf der Systemebene in Unmoral umschlagen, und umgekehrt kann im System moralisch geboten sein, was in der Lebenswelt als unmoralisch gilt.<\/p>\n<p>Vielen Menschen erscheinen Systeme kalt, undurchschaubar, zerst\u00f6rerisch, unmenschlich und \u00e4sthetisch so ansprechend wie ein Autobahnknotenpunkt. Wie sch\u00f6n ist dagegen die Lebenswelt: warm, gem\u00fctlich und vertraut wie der Geruch von selbst gebackenen Weihnachtspl\u00e4tzchen. Die Lebenswelt liebt man, die Systeme benutzt man.<\/p>\n<p>Systemkrisen wie Kriege, Wirtschaftskrisen, Umweltkrisen, St\u00f6rf\u00e4lle mit Breitenwirkung, Bev\u00f6lkerungskrisen oder Pandemien betreffen viele Menschen gleichzeitig; wer sie beschreiben, erkl\u00e4ren, vermeiden oder eind\u00e4mmen will, muss umfassende, \u00fcberpers\u00f6nliche Ph\u00e4nomene und Zusammenh\u00e4nge in den Blick nehmen. Solche Krisen \u00fcberschreiten den allt\u00e4glichen Erfahrungshorizont eines einzelnen Menschen bei weitem.<\/p>\n<p>Dagegen betreffen Lebensweltkrisen wie Krankheiten, Todesf\u00e4lle, Beziehungskrisen, Nachbarschaftskonflikte oder Arbeitslosigkeit den Einzelnen unmittelbar. Ein Erkenntnisproblem wie bei Systemkrisen gibt es meist gar nicht; die Betroffenen sp\u00fcren die Lebensweltkrise hautnah als Abweichung vom gewohnten Gang der Dinge. Ihr Alltag, ihre Normalit\u00e4t ger\u00e4t aus dem Gleichgewicht. Daran leiden sie, irgendwo auf der Skala zwischen ver\u00e4rgert und verzweifelt. Ver\u00e4rgert ist man, wenn man sich verabredet hat und sitzen gelassen wird. Verzweifelt ist man, wenn die Familie zerbricht oder wenn man seine gesamten Ersparnisse verliert. Wie auch immer, das leidende Subjekt ist das Zentrum jeder Lebensweltkrise.<\/p>\n<p>Systemkrisen dagegen bestehen in der Abweichung von einer zu definierenden Normalit\u00e4t ohne Subjekt: von normalen politischen Beziehungen der Nationen in Europa beispielsweise, vom normalen Weltklima, von normalen Wirtschaftsbeziehungen, von der normalen Bev\u00f6lkerungsdynamik. F\u00fcr Systemkrisen braucht man andere Blickwinkel und andere Wissenschaften als f\u00fcr Lebensweltkrisen: Hier Klimaforschung, Bev\u00f6lkerungswissenschaft, Epidemiologie, National\u00f6konomie, Statistik; dort Medizin, Psychologie und soziologisches Alltagsverstehen. \u00dcber Lebensweltkrisen ist man sich schnell im Klaren, w\u00e4hrend sich Systemkrisen dem intuitiven Urteil entziehen.<\/p>\n<p>Systemkrisen sind wichtig, weil sie die Lebenswelt von Millionen betreffen; und sie sind schwierig, weil ihnen das ungeschulte Alltagsdenken nicht gewachsen ist. Das 20. Jahrhundert mit seinen beiden Weltkriegen, seinen Hyperinflationen und Weltwirtschaftskrisen hat allerdings Spuren in den K\u00f6pfen hinterlassen. Systembewusstsein, Systemvorsicht und Sehnsucht nach Systemstabilit\u00e4t sind inzwischen weit verbreitet. Damit ist ein neuer, \u00f6ffentlicher Resonanzraum f\u00fcr Diskurse \u00fcber Systemkrisen entstanden. Dass es sich dabei um ein neues Ph\u00e4nomen handelt, sieht man an der Unausgereiftheit dieser Diskurse. Was so gut wie immer dabei fehlt, ist ein Diskurs \u00fcber den Diskurs \u2013 ein Meta-Diskurs. So kommt es, dass \u00fcber gro\u00dfe Systeme meist so gesprochen wird, als w\u00e4ren sie Lebenswelten, Organismen oder Maschinen. Am Beispiel der gro\u00dfen Systeme zeigt sich jedoch: Das Normale ist vielf\u00e4ltig, und seine Krisen verlangen nach reflektierten, auf mehreren Ebenen gef\u00fchrten Diskursen.<\/p>\n<p><em>Krise und Risiko<\/em><\/p>\n<p>Dieses Buch besch\u00e4ftigt sich teils mit schon eingetretenen Krisen, teils mit dem behaupteten Risiko einer Krise. Beide Begriffe \u2013 <em>Krise<\/em> und <em>Risiko<\/em> \u2013 geh\u00f6ren eng zusammen, meinen aber nicht dasselbe. Unter <em>Risiko<\/em> verstehe ich die bef\u00fcrchteten negativen Folgen eines Tuns oder Unterlassens, unter <em>Krise <\/em>die St\u00f6rung des Normalen. Wodurch unterscheiden sich nun die beiden Begriffe? Und wie h\u00e4ngen sie zusammen?<\/p>\n<p><em>Erstens:<\/em> Risiko geht von der Ursachenseite aus und fragt nach den Wirkungen: Da ist das Medikament, wozu kann es f\u00fchren? Da ist das Atomkraftwerk, wird es uns ins Ungl\u00fcck st\u00fcrzen? Krise geht von der Wirkungsseite aus und fragt nach der Ursache: Ich bin krank, aber wie ist es dazu gekommen? Die Weltwirtschaft lahmt \u2013 wie haben wir uns das eingebrockt? <em>Zweitens:<\/em> Krise setzt das Normale als Bezugsrahmen voraus, Risiko nicht notwendig. Es gibt riskante B\u00f6rsengesch\u00e4fte, riskante politische Entscheidungen (etwa \u00fcber Milit\u00e4reins\u00e4tze) oder riskante technische Innovationen. Bei jedem dieser Beispiele l\u00e4sst sich das Risiko beschreiben, ohne auf ein Normalit\u00e4tsmodell zur\u00fcckzugreifen. <em>Drittens:<\/em> Risikodiskurse werden typischerweise vorher gef\u00fchrt, wenn noch gar nichts passiert ist, Krisendiskurse typischerweise nachher, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist. <em>Viertens: <\/em>Nichts ist ohne Risiko, alles und jedes kann zum Thema von Risikodebatten werden. Krisen dagegen sind in ihrem jeweiligen Normalit\u00e4tskontext tendenziell seltene Ereignisse, allerdings gibt es mit voranschreitender Moderne immer mehr krisengef\u00e4hrdete Systeme und eine Krise jagt die andere.<\/p>\n<p>Fazit: Beide Begriffe bezeichnen Verschiedenes, aber sie sind benachbart und werden oft in Verbindung gebracht \u2013 dann n\u00e4mlich, wenn es um das Risiko einer Krise geht. Auf diesen Spezialfall werde ich in diesem Buch oft zu sprechen kommen.<\/p>\n<p><em> <\/em><\/p>\n<p><em>Krisenwissen ist konstruiert<\/em><\/p>\n<p>Der Film \u201eAuf des Messers Schneide\u201c von Lee Tamahori aus dem Jahr 1997 entwickelt seinen Plot aus einer denkbar eindeutigen Krisensituation heraus: Nach einem Flugzeugabsturz in einen See irgendwo im Niemandsland des n\u00f6rdlichen Kanada k\u00f6nnen sich drei M\u00e4nner retten. Sie stehen am Ufer, es ist kalt, sie haben nichts zu essen und bald kommt die Nacht. Wie k\u00f6nnen sie mit dieser Situation fertig werden? Eine heftige Diskussion bricht los. Sollen sie sich nicht von Fleck r\u00fchren? Nein, entscheiden sie, das w\u00e4re der sichere Tod. Also losmarschieren \u2013 aber wohin? Wegen der dichten Wolkendecke k\u00f6nnen sie die Himmelsrichtung nicht bestimmen. Einer von ihnen behauptet, die Nord-S\u00fcd-Richtung lasse sich mittels einer durch Reibung magnetisierten B\u00fcroklammer herausfinden. Sie beschlie\u00dfen, auf diesen Anhaltspunkt zu setzen. Aber welche Richtung sollen sie w\u00e4hlen, wenn sie nicht wissen, wo sie Hilfe finden k\u00f6nnen? Schlie\u00dflich legen sie sich auf eine Richtung fest und gehen einfach los, weil sie das verzweifelte Gef\u00fchl haben, irgendetwas tun zu m\u00fcssen. Am n\u00e4chsten Tag stellen sie fest, dass sie im Kreis gegangen sind; die Nadel war durch die metallische G\u00fcrtelschnalle des Mannes abgelenkt, der die F\u00fchrung \u00fcbernommen hatte.<\/p>\n<p>Das Beispiel zeigt, wie sich Ungewissheit und Gef\u00fchl in der Krise mischen und zu manchmal verzweifelten Konstruktionen f\u00fchren. Aber was w\u00e4re kein Fehler gewesen? Die Ungewissheit bremst, die Angst dr\u00e4ngt. Man braucht starke Nerven, um beides gleichzeitig auszuhalten. Leicht setzt sich die Angst durch, sie giert nach sicherem Rettungswissen, und wenn keines zur Verf\u00fcgung steht, schafft sie sich eines. So wird der Wunsch zum Vater des Gedankens.<\/p>\n<p>Bei einer Massenkarambolage auf der Autobahn mit Toten und Schwerverletzten muss man sich mit der Konstruiertheit von Krisenwissen nicht lange aufhalten. Eine so weitgehende Evidenz des Ernstfalls, die jede Diskussion \u00fcberfl\u00fcssig macht, ist aber die Ausnahme. Im Regelfall gilt: Irrt\u00fcmer bei der Beurteilung einer Krisensituation sind m\u00f6glich, wahrscheinlich, unvermeidlich. Jeder der gro\u00dfen Krisendiskurse unserer Zeit ist ein N\u00e4hrboden f\u00fcr Fehlentscheidungen: Finanzmarkt, Klima, Energieversorgung, Demografie, Terrorismus, Pandemien, Weltwirtschaft und andere.<\/p>\n<p>Man muss konstruieren, sich mit Ermessensentscheidungen behelfen und Unsicherheit in Kauf nehmen. Wer aber deshalb irgendeine Er\u00f6rterung bleiben lie\u00dfe und die H\u00e4nde in den Scho\u00df legte, w\u00e4re im Irrtum \u00fcber die Grenzen des Denkens \u2013 und \u00fcber die Erfolge, die trotzdem erreichbar sind. Gerade dann, wenn vieles unklar ist, braucht man eine Diskussion auf hohem Niveau. Nur so nutzen wir die uns gegebenen Chancen, nur so maximieren wir die Wahrscheinlichkeit, dass trotz aller Ungewissheit etwas herauskommt: eine Deutung, die als Grundlage von Ma\u00dfnahmen dienen kann. Dass es sich bei einer solchen Deutung ja auch um eine Konstruktion handelt, taugt nicht als Einwand. Wonach sonst sollen wir uns denn richten?<\/p>\n<p><em> <\/em><\/p>\n<p><em>Beobachtung der Beobachtung. Das Modell der zwei Etagen<\/em><\/p>\n<p>Krisentheorien und Risikoabsch\u00e4tzungen sind komplexe geistige Gebilde, Teil der Selbsterhaltungsstrategien von Lebewesen, deren Existenz nicht Instinkte sichern, sondern Denken und vorausschauender Verstand. Wo w\u00e4ren wir ohne unsere Sorgen und Vorsichtsma\u00dfnahmen? Wir w\u00e4ren nicht vorhanden. Andererseits sind wir nur deshalb so weit gekommen, weil wir es lernten, unser Denken reflexiv auch auf uns selbst zu beziehen und es mit Hilfe vern\u00fcnftiger Regeln zu kultivieren.<\/p>\n<p>Erreichen die kleinen und gro\u00dfen Krisendiskurse der Gegenwart dieses Niveau? Teils ja, teils nein. Bedenklich stimmt, dass sich in einigen dieser Diskurse allm\u00e4hlich geistige Immunsysteme herausbilden. Kritische, relativierende Argumente werden angegriffen wie Bakterien durch Helferzellen. Solche Abwehrreaktionen sollen die Durchschlagskraft von Krisenbotschaften erh\u00f6hen \u2013 auf die Dauer bewirken sie das Gegenteil.<\/p>\n<p>Bei Krisenbotschaften ist nicht nur ihr Inhalt interessant. Ebenso muss man ihre Begr\u00fcndung und ihre impliziten Annahmen pr\u00fcfen, es sei denn, man befindet sich im Auge des Taifuns oder auf einem gerade untergehenden Schiff. Wenn genug Zeit bleibt, verdient das <em>Wie<\/em> des Forschens, Denkens und Redens mindestens genauso viel Aufmerksamkeit als das <em>Was<\/em> \u2013 so lehren uns Sozialpsychologie, Soziologie, Geschichte und Philosophie. Die Art und Weise der Entstehung und Weiterentwicklung von Wissen entscheidet \u00fcber die Glaubw\u00fcrdigkeit der Inhalte.<\/p>\n<p>Oberste Tugend beim Versuch der Ann\u00e4herung an die Wahrheit ist die k\u00fchle, distanzierte Selbstbeobachtung nach anerkannten, gemeinsamen Kriterien. Wir k\u00f6nnen die Art und Weise pr\u00fcfen, wie wir miteinander reden. Wir k\u00f6nnen versuchen, uns ein eigenes Urteil zu bilden. Und wir k\u00f6nnen versuchen nachzuvollziehen, wie wir zu diesem Urteil gekommen sind, uns also Klarheit \u00fcber unsere Wahrnehmungsmuster zu verschaffen. Diese Worte klingen fast schon weihevoll und rauschen schnell vorbei. Halten wir sie fest. Was folg aus ihnen?<\/p>\n<p>Vor allem brauchen wir gutes Denken und gute Kommunikation. Es ist kein Beinbruch, wenn Menschen verschiedener Meinung sind, im Gegenteil. Denken alle gleich, haben sich alle nichts zu sagen. Neues kann man nur voneinander lernen, wenn jeder seinen eigenen Kopf und sein besonderes Wissen hat. Fast \u00fcberfl\u00fcssig zu erw\u00e4hnen, dass dies nur unter bestimmten Voraussetzungen funktioniert: Jeder h\u00f6rt dem anderen zu; keiner \u00fcbt Druck aus; alle richten sich nach den Regeln. Im Paradies der herrschaftsfreien Diskurse, wie J\u00fcrgen Habermas solche Auseinandersetzungen genannt hat, tauscht man Argumente aus, redet vern\u00fcnftig miteinander und sucht gemeinsam nach der besten L\u00f6sung. Dass dies nicht so langweilig ist, wie es sich anh\u00f6rt, wei\u00df jeder, der es schon einmal erleben durfte \u2013 so etwas kommt tats\u00e4chlich hin und wieder vor, allerdings eher im Privatleben: Man missversteht sich nicht absichtlich; man beleidigt einander nicht; man intrigiert nicht gegeneinander; man greift sich nicht pers\u00f6nlich an; man bem\u00fcht sich um gute Begr\u00fcndungen. Wer nicht nach diesen Regeln spielt, schlie\u00dft sich selbst von der Diskussion aus, jedenfalls philosophisch gesehen. Realistischerweise muss man hinzusetzen: Oft redet so jemand trotzdem weiter, und die anderen lassen ihn gew\u00e4hren.<\/p>\n<p>In vielen \u00f6ffentlichen Diskursen ist Letzteres die Regel; oft scheint der Kodex des herrschaftsfreien Diskurses geradezu ins Gegenteil verkehrt. Beispiele in Serie liefern politische Talkshows im Fernsehen. Es gibt auch Gegenbeispiele, doch lassen diese den Normalfall nur umso krasser hervortreten: Die Teilnehmer diffamieren einander und \u00fcberschreien sich; sachliche, in Ruhe vorgetragene Beitr\u00e4ge werden unterbrochen; der Moderator oder die Moderatorin heuchelt Offenheit und betreibt Manipulation; die eingespielten Filme suggerieren Generalisierbarkeit, wo es sich um tendenzi\u00f6s inszenierte Einzelf\u00e4lle handelt; das Publikum im Studio klatscht; die Quoten sind beachtlich.<\/p>\n<p>Das Beispiel der Talkshows f\u00fchrt nur einige der St\u00f6rfaktoren vor Augen, die herrschaftsfreie Diskurse zum Absturz bringen k\u00f6nnen. Kritiker prangern oft die Emotionalisierung der Medien an, aber welche Emotionen sind es denn konkret, die hier die Regie \u00fcbernehmen? Jeder kennt die typischen Gef\u00fchle von sich selbst: Wir m\u00f6gen ans Herz gehende Geschichten. Wir haben es lieber einfach als kompliziert. Wir wollen zum Lachen gebracht werden und sch\u00e4tzen gute Pointen. Wir begeistern uns f\u00fcr Siegertypen und ihre charismatischen Auftritte. Wir bewundern Schlagfertigkeit. Wir f\u00fchlen uns wohl, wenn wir zur Mehrheit geh\u00f6ren. Wir werden ein paar Zentimeter gr\u00f6\u00dfer, wenn wir uns als Parteig\u00e4nger des Guten im Kampf gegen das Schlechte erleben k\u00f6nnen. Wir lassen uns gerne in unseren Ansichten best\u00e4tigen und tun uns schwer mit Kritik. Wir m\u00f6gen keine offenen Fragen, keine Ungewissheit, keine Grauzonen.<\/p>\n<p>Wer solche Gef\u00fchle aus eigener Erfahrung kennt, hat deshalb noch lange keinen schlechten Charakter \u2013 er ist ein normaler Mensch. Allerdings hat keines dieser Gef\u00fchle auch nur das Mindeste mit der Kl\u00e4rung von Sachfragen zu tun. Wenn sich bei Fragen der Finanzmarktregulierung, der Stabilisierung der Europ\u00e4ischen Union oder der Energiepolitik Gef\u00fchle der beschriebenen Art einmengen, kann zwar trotzdem etwas Richtiges herauskommen, aber die Wahrscheinlichkeit ist viel geringer, als wenn man es versteht, sie herauszuhalten. Solche Gef\u00fchle suggerieren Richtigkeit, obwohl sie sachlich vollkommen bedeutungslos sind.<\/p>\n<p>Nun sind aber gerade Krisendiskurse anf\u00e4llig f\u00fcr Emotionen. Nicht umsonst drehen sich Talkshows oft um gro\u00dfe Krisen. Man k\u00f6nnte typische Talkshows f\u00fcr eine Art von Karnevalsveranstaltung halten, f\u00fcr ein humoristisches \u00f6ffentliches Ritual, nach dessen Beendigung sich alle die Z\u00e4hne putzen und ins Bett gehen, um sich am n\u00e4chsten Tag wieder dem Ernst des Lebens zuzuwenden, h\u00e4tte sich Emotionalisierung nicht allm\u00e4hlich als legitime Kommunikationsstrategie etabliert. Dieser Zustand schreckt davon ab, \u00fcberhaupt noch eine sachliche Diskussion zu fordern. Wer dies tut, muss bef\u00fcrchten, als herzloser Kopfmensch, wenn nicht als Zyniker beschimpft zu werden, erst recht, wenn er angebliche Gewissheiten in Frage stellt.<\/p>\n<p>Doch was soll schlecht daran sein, Ungewissheit als solche zu bezeichnen? Was soll gut daran sein, Zweifel zu unterdr\u00fccken? Zugegeben, das sind abstrakte Themen angesichts konkreter Gefahren. Aber so ist das eben mit der Moderne. Hier sollen Selbstbeobachtung, Selbstkontrolle und Sachlichkeit regieren, sofern es um den Austausch von Argumenten geht. Dieses Diskursniveau ist stets gef\u00e4hrdet: durch Gef\u00fchle, Machtanspr\u00fcche, Eitelkeit, Eigennutz und durch die Verf\u00fchrungskraft von Inszenierungen, Rhetorik und gro\u00dfen Erz\u00e4hlungen. Um Argumente gegen solche Rauchschwaden zu sch\u00fctzen, bleibt nichts anderes \u00fcbrig, als immer wieder neben das Get\u00fcmmel zu treten und von au\u00dfen darauf zu sehen, ausgestattet mit dem k\u00fchlen Blick der Regelkontrolle und der Abw\u00e4gung. Die nur uns Menschen gegebene F\u00e4higkeit, auf das zu schauen, was wir tun, philosophisch ausgedr\u00fcckt die Trennung von operativer Ebene und Meta-Ebene, wurde in der Moderne wie in keiner anderen Kultur ausgefeilt und verallgemeinert.<\/p>\n<p>Im Rauch der gro\u00dfen Krisenrhetorik besteht die erste und wahrscheinlichste Gefahr nun darin, dass die Grundhaltung der reflexiven Moderne durch einen lautstark proklamierten Notstandskonsens au\u00dfer Kraft gesetzt wird. Zuwiderhandlungen werden mit \u00c4chtung bestraft. Es ist doch l\u00e4ngst alles gekl\u00e4rt, schallt es jedem entgegen, der von der Meta-Ebene aus st\u00f6rt. Wir m\u00fcssen so rasch wie m\u00f6glich handeln, wir haben keine Zeit f\u00fcr Debatten. So wird ausgerechnet die wichtigste Form der Reflexivit\u00e4t diffamiert, jene n\u00e4mlich, die sich mit der Qualit\u00e4t der Reflexion besch\u00e4ftigt.<\/p>\n<p>Damit taucht, um das r\u00e4umliche Bild der verschiedenen Ebenen zu nutzen, eine zweite Meta-Ebene \u00fcber der ersten auf, gewisserma\u00dfen eine zweite Etage der Erkenntnis. Auf der ersten Meta-Ebene laufen die Diskurse \u00fcber gro\u00dfe Krisen ab, hier geht es etwa um Finanzmarkt, Klima, Euro oder Demographie. Hier beobachten und beurteilen die Diskursteilnehmer Derivatehandel und Leerverk\u00e4ufe, CO-2-Emissionen, Kreditb\u00fcrgschaften und Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Dies ist moderne Selbstbeobachtung, aber damit ist es nicht genug. Was in einem Krisendiskurs geschieht, bedarf seinerseits der Beobachtung. Experten, Politiker, Medienleute und Repr\u00e4sentanten von Institutionen m\u00f6gen dies als st\u00f6rend empfinden, als Beschmutzung ihrer besten Absichten, als Geringsch\u00e4tzung ihrer Arbeit, als Einmischung von Unbefugten. Aber die reflexive Moderne ist keine Party. Wer ihre Vorteile will, muss auch ihre unangenehmen Begleiterscheinungen in Kauf nehmen. Die gr\u00f6\u00dfte Gefahr, die der Moderne droht, ist die Losung \u201eEnde der Debatte!\u201c. Sie verriegelt den Zugang zur zweiten Meta-Ebene, und damit ger\u00e4t die erste Meta-Ebene au\u00dfer Kontrolle: Freie Fahrt f\u00fcr Emotionen, Macht, Rechthaberei und Eigennutz, getarnt als Sachzwang und moralisches Gebot der Stunde.<\/p>\n<p><em>Selbstironie ist B\u00fcrgerpflicht<\/em><\/p>\n<p>Am Schluss dieses Kapitels r\u00e4ume ich drei Defizite ein: Nichts bringt uns schneller voran als die Skepsis, aber niemand kann sagen, wann genau sie absurd wird. Ungewissheit ist unser Schicksal, aber handeln m\u00fcssen wir trotzdem. Die Ideale der Diskursethik \u00fcberzeugen, aber sie \u00fcberfordern uns.<\/p>\n<p>Mit diesen Schw\u00e4chen muss jeder zurechtkommen, nicht nur bei den anderen, sondern vor allem auch bei sich selbst. Jeder ist auf die Nachsicht der anderen angewiesen und die anderen auf seine \u2013 das ist nur recht und billig. Leider z\u00e4hlt dieser Satz ebenfalls zu den Idealen der Diskursethik, die uns \u00fcberfordern.<\/p>\n<p>Andererseits: Die Welt wird besser, wenn man sich \u00fcber seine eigene Unvollkommenheit im Klaren ist und wenigstens tut, was man kann. Dabei hilft einem auch die Nachsicht sich selbst gegen\u00fcber. Selbstironie ist B\u00fcrgerpflicht \u2013 sich einzugestehen, dass man seinen Anspr\u00fcchen nicht gerecht wird, und es trotzdem zu versuchen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Worum es geht Im Anblick der Gefahr Die Rettungsboote auf der Titanic reichten nicht aus. 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