Themen, Termine, Fokussierungen

Der soziologische und erkenntnistheoretische Hintergrund für das Debattierseminar „Soziologie aktuell“ im Wintersemester 2016/2017 entspricht dem Seminar „Soziologisch denken“ im Sommersemester 2015:

THEMEN UND SITZUNGSTERMINE im Sommersemester 2015

1. Wir alle sind Soziologen. Stimmt das?

Gesellschaft ist nur möglich, weil alle, die ihr angehören, sich ständig ein Bild von Ihr machen. Insofern stimmt es zwar, dass wir alle Soziologen sind. Aber was macht dann den Unterschied zwischen alltäglicher und wissenschaftlicher Soziologie aus?

Termin: 13. 4. 2015   Fokus: Der kognitive Mehrwert der Soziologie

2. Wo ist die Gesellschaft, wenn alle schlafen?

Wer sich die Gesellschaft als ein Aggregat von Personen vorstellt, kann diese Frage leicht beantworten: Die Gesellschaft liegt im Bett. Was bedeuten dann aber beispielsweise Begriffe wie moderne Gesellschaft, soziales Milieu oder Partnerschaft – Begriffe, die offenbar etwas anderes meinen als Verteilungen individueller Handlungsweisen oder Eigenschaften in einem Kollektiv? Was ist der gemeinsame Nenner solcher Phänomene?

Termin: 20. 4. 2015 Fokus: Forschungsgegenstand Gesellschaft

3. Wissenschaft tut weh

Die moderne Wissenschaft hat sich Prinzipien verschrieben, die schwer einzuhalten sind und gegen die auch Wissenschaftler selbst ständig verstoßen. Welche Prinzipien sind dies, warum ist ihre Einhaltung schwierig und was kann man tun, um sie durchzusetzen? Diese Frage stellt sich im Fall der Soziologie mit besonderer Dringlichkeit.

Termin: 27. 4. 2015 Fokus: Ethos der Wissenschaft

 

4. Ist die Soziologie den Naturwissenschaften unterlegen?

Häufig wird die Soziologie als „weiche“ Wissenschaft oder gar als unwissenschaftlich bezeichnet und am Vorbild der Naturwissenschaften gemessen. Inwieweit soll die Soziologie der Aufforderung folgen, „so naturwissenschaftlich wie möglich“ zu werden? Was spricht andererseits dafür, die Besonderheit der Soziologie anzuerkennen und zu praktizieren – mit allen damit verbundenen Unschärfen und Ungewissheiten? Entscheidet man sich für Letzteres, erhebt sich die Anschlussfrage, ob Soziologie dennoch den Status einer Wissenschaft beanspruchen kann.

Termin: 4. 5. 2015   Fokus: Die Besonderheit der Soziologie im Spektrum der Wissenschaften

5. Soziologischer Wirklichkeitskontakt: indirekt, interpretativ, interaktiv

Die Daten der Soziologie unterscheiden sich grundlegend von denen der Naturwissenschaften. Sie zwingen dazu, schon die empirische Basis dieser Wissenschaft auf den Kontext ihrer Entstehung zu relativieren: Empirische Informationen aus Interviews, Beobachtungen und Inhaltsanalysen lassen meist nur Schlüsse auf die eigentlich interessierenden gesellschaftliche Phänomene zu (sie sind indirekt); sie werden erst durch Sinnunterstellungen zu soziologisch relevanten Daten (sie sind interpretativ); und sie entstehen in sozialen Beziehungen (sie sind interaktiv). Welche Vorbehalte folgen daraus? Lassen sie sich durch den Fortschritt der Methoden im Lauf der Zeit entkräften?

Termin: 11. 5. 2015 Fokus: Die empirische Basis der Soziologie

6. Und täglich grüßt der Stichprobenfehler

 

Für keine andere Wissenschaft spielen Stichprobenprobleme eine so große Rolle wie für die Soziologie. Viele sind der Ansicht, soziologische Stichprobenprobleme seien auf Standardrepräsentativumfragen begrenzt und ließen sich durch große Fallzahlen weitgehend reduzieren. Doch die Soziologie hat es nicht nur mit Personenstichproben, sondern auch mit Situationsstichproben und Inhaltsstichproben zu tun. Gegen systematische Fehler können hohe Fallzahlen nichts ausrichten. Und kleine Stichproben unterliegen einer spezifischen Repräsentativitätsbeurteilung, was viele gar nicht wissen. Wird die Sozialforschung heute ihren Stichprobenproblemen gerecht?

Termin: 18. 5. 2015 Fokus: Stichproben

7. Was sind Begriffe und woher kommen sie?

 

Der erste Teil der Frage zielt auf den alten philosophischen Konflikt zwischen Essentialismus und Konstruktivismus. Beziehen sich unsere Begriffe auf vorgefundene, bereits gegebene Dinge – oder handelt es sich um selbst konstruierte Wahrnehmungsprogramme? Es geht bei diesem Konflikt um die Frage, ob und wie wir überhaupt mit der Wirklichkeit sprachlich in Kontakt treten können, und wie sich jene Gemeinsamkeit der Sprache herstellen lässt, die Wissenschaft erst möglich macht. In keiner Wissenschaft ist Klarheit über die Entstehung und Veränderung ihrer Sprache so wichtig wie in der Soziologie.

Termin:1. 6. 2015 Fokus: Realismus in der Soziologie

8. Aussagen und die drei Dimensionen der Wahrheit

 

Aussagen sind Verbindungen von Begriffen, die allesamt eine bestimmte Eigenschaft aufweisen: Sie lassen sich nach dem Gesichtspunkt von Wahrheit und Falschheit beurteilen. Im Grunde handelt es sich aber nicht um einen Gesichtspunkt, sondern um drei, die jedoch in der Praxis der Diskurse ständig vermischt werden: Wahrheit im (1) empirischen, (2) normativen und (3) logischen Sinn. Für jede Dimension benötigt man eigene Kriterien und Argumentationsformen – aber woran erkennt man, welche Dimension einschlägig ist? Besonders problematisch sind normative Diskurse, zu denen die Soziologie eine besondere Nähe hat. Soll man sie aus der Wissenschaft verbannen, soll Soziologie „wertfrei“ sein?

Termin: 8. 6. 2015 Fokus: Die Grundordnung vernünftigen Argumentierens

9. Was tun, wenn Gewissheit unerreichbar ist?

„Alles Wissen ist Vermutungswissen.“ Soweit dieser Satz von Karl Popper zutrifft, fordert er dazu auf, Strategien des Umgangs mit Ungewissheit zu entwickeln. Wissenschaftliche Wahrheitssuche ist darauf angewiesen, mit Wahrscheinlichkeit, Plausibilität und systematischer Prüfung von Gegenthesen zu operieren. Welche Formen der Ungewissheit sind in der Soziologie allgegenwärtig und wie kann man damit umgehen?

Termin: 15. 6. 2015 Fokus: Heuristik statt Scholastik

10. Interpretieren heißt riskieren

 

Viele verfolgen das Ideal einer objektiven, von „subjektiven Störfaktoren“ freien Wissenschaft. Zum absoluten Prinzip erhoben, bedeutet dieses Ideal jedoch das Ende der Wissenschaft, wenn man darunter ein zukunftsoffenes Projekt des Wissensfortschritts versteht. Wissenschaft soll einerseits so objektiv wie möglich sein, andererseits aber den Schritt ins Neuland riskieren. Was dies heißt, lässt sich am besten mit dem Begriff der Interpretation darstellen. Interpretation impliziert immer die Bereitschaft, über die vorliegenden Informationen und Daten hinauszugehen und etwas Neues zu wagen. Dabei ist der Forscher als Subjekt gefordert. Wo keine Objektivität mehr möglich ist, kommt es umso mehr auf Intersubjektivität an – für andere plausibel zu machen, warum man bei einer gegebenen Interpretation einen ganz bestimmten Weg für den besten hält. Für die Soziologie ist das Überschreiten der Grenzen bisherigen Wissens durch Interpretation wichtiger als für jede andere Wissenschaft.

Termin: 22. 6. 2015 Fokus: Wissenschaftliche Grenzüberschreitung

 

11. Die langen Wege des Wissens

Prägend für die moderne Wissenschaft ist die Zukunftsvorstellung einer unendlichen Fortschrittsgeschichte. Frühere Wissenskulturen folgten der Idee der Tradition und der Aneignung gegebenen Wissens; die moderne Wissenskultur dagegen folgt der Idee einer nie ans Ziel kommenden Reise. Dazu gesellt sich unter dem Einfluss der Geschichte der modernen Naturwissenschaften eine Präzisierung: dass die Reise immer weiter nach oben führe – nachfolgende Forscher können auf den Leistungen ihrer Vorgänger aufbauen. Naturwissenschaft ist „kumulativ“ insofern, als der Berg schon angehäuften Wissens immer höher wird. Teils geschieht dies kontinuierlich, teils in abrupten Paradigmenwechseln, die gewissermaßen zu einer treppenförmigen Fortschrittsgeschichte führen. Der Fortschritt der Soziologie lässt sich mit diesem Modell jedoch nur unvollständig abbilden. Ein Verständnis ihrer Langfristentwicklung erschließt sich erst, wenn man drei Schichten soziologischen Wissens unterscheidet: (1) allgemeine Theorien, (2) Forschungsmethoden und (3) historisch relativierte Beschreibungen. Nur mit einem an die Besonderheit der Soziologie angepassten Zukunftsverständnis verfügt man über eine road map und hat eine Vorstellung davon, wie es zum jeweiligen Zeitpunkt weitergehen soll.

Termin: 29. 6. 2015 Fokus: Wissensfortschritt in der Soziologie

12. Subversion der Wissenschaft durch Wissenschaft

 

Sowohl in der Soziologie wie auch in allen anderen Wissenschaften entsteht langfristig immer mehr Wissen. Die Konsequenz ist zunehmende Unübersichtlichkeit und Komplexität. Die Wissenschaften antworten darauf mit zunehmender Spezialisierung: Wissenschaftler wissen immer mehr über immer weniger. Viele Fragen lassen sich jedoch erst im Überblick über mehrere Wissensgebiete beantworten, allerdings werden sie kaum noch gestellt. Der Forschungsgegenstand Gesellschaft verlangt Generalisten, während die Themen der Soziologie immer spezieller werden. Wie kann man den soziologischen Blick für das Ganze wieder kultivieren?

Termin: 6. 7. 2015 Fokus: Integration der Soziologie

 

13. Öffentliche Soziologie: Akteur, Hungerkünstler oder Kellner?

Es ist die Gründungsidee der Soziologie, Phänomene zur Sprache zu bringen, an deren Entstehung zwar alle beteiligt sind und die das Leben aller bestimmen, die jedoch weitgehend verborgen bleiben: Aufklärung durch Beschreibung. Erst wenn die Soziologie die Öffentlichkeit erreicht, ist sie am Ziel. Idealerweise ist ihre Praxisbeziehung dialogisch und nicht etwa technologisch konzipiert – die Soziologie macht Deutungsangebote, deren Umsetzung jedoch denjenigen überlassen bleibt, die sie zur Kenntnis nehmen. Davon ist in der Gegenwart wenig zu spüren. Die aufklärende Soziologie wird öffentlich nur wenig zur Kenntnis genommen und ähnelt insofern Kafkas Hungerkünstler, der einstmals berühmt war, aber jetzt nur noch ein Gnadenbrot erhält. Daneben gibt es noch die öffentliche Rolle der Soziologie als Dienstleistungserbringer, etwa in Marktforschung, Medienforschung, Stadtplanung, Politikberatung oder Personalwirtschaft. Ob diese professionalisierte Soziologie Akteur ist oder als Kellner fungiert, hängt vom jeweiligen Kontext ab.

Termin: 13. 7. 2015 Fokus: Soziologische Praxisbeziehung