Einleitung

Worum es in diesem Essay geht

Zu Beginn der Katastrophe wäre noch Platz in den Rettungsbooten gewesen, doch die meisten Passagiere nahmen den Alarm nicht ernst. Wenig später neigte sich die Titanic nach vorne, das Deck wurde zur schiefen Ebene. Nun war es zu spät. Die Menschen auf dem Schiff strömten nach oben zum Heck, während der Bug bereits versank. Schließlich stand das Schiff senkrecht im Wasser und schoss geradezu in die Tiefe.

Der Untergang der die Titanic ist eine gern zitierte Metapher für die Zukunft des Raumschiffs Erde. Längst herrscht auf diesem Schiff Alarmstufe rot, das Gefühl des drohenden Untergangs beherrscht die Krisendiskurse des 21. Jahrhunderts. Und wer heute den Alarm nicht ernst nimmt, muss mit der Empörung der Alarmierten rechnen: Es gehe schließlich um Leben und Tod. Mag sein; trotzdem interessiert mich das Zustandekommen des Alarms, soviel Zeit muss sein. Das ist mein Ausgangspunkt.

Skeptiker, die Krisendiskurse hinterfragen, müssen stets mit dem Vorwurf des sträflichen Leichtsinns rechnen. Darin bezeugt sich allerdings ein fundamentales Missverständnis: Skepsis bedeutet nicht Schönreden oder den Kopf in den Sand stecken, sie bedeutet Ernstnehmen und genaues Hinsehen. Auch ich mache mir Sorgen. Hunger und Armut sind nicht besiegt, der Regenwald wird abgeholzt, Umweltschutz ist noch lange nicht in jedem Land der Welt ein Thema, viele Menschen haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, AIDS und Malaria sind weiter auf dem Vormarsch, die Finanzkrise ist nicht überwunden, die Weltbevölkerung wächst immer noch zu stark, der Terror kann überall sein, globale Pandemien drohen. Und ich bin froh darüber, dass nicht nur ich, sondern viele andere auch sich Sorgen machen, denn das wird helfen, die anstehenden Probleme zu lösen.

Als Skeptiker nehme ich aber für mich in Anspruch, Entstehung und Verlauf von Krisendiskursen unter die Lupe zu nehmen. Unter welchen Voraussetzungen sprechen wir von einer Krise? Welche Denkoperationen setzt das voraus? Worauf einigen wir uns, nachdem wir das Für und Wider erwogen haben? Wird diese Einigung von Zeit zu Zeit einer kritischen Prüfung unterzogen? Solche Fragen wirken vielleicht störend, aber sie sind produktiv. In meinen Augen ist die Skepsis – jene Dialektik zwischen dem Argumentieren einerseits und der Beobachtung des Argumentierens andererseits – das größte Geschenk, das uns das antike Griechenland gemacht hat.

Wenn man sich nicht gerade im Auge des Taifuns befindet, ist das Interessanteste an einer Krisenbotschaft die Art und Weise, wie sie begründet und mitgeteilt wird. Unter ungewissen Umständen ist das Wie des Forschens, Denkens und Redens erst einmal wichtiger als das Was – so lehren uns Sozialpsychologie, Soziologie, Kulturgeschichte und Philosophie. Die Art und Weise der Entstehung von Wissen entscheidet über die Glaubwürdigkeit der Inhalte.

Immer ist deshalb die Frage am Platz, wie es eigentlich um die Aufklärung der Aufklärer steht. Was, rufen nicht wenige von ihnen, das Mündel will Vormund sein? Doch die Kernidee der Aufklärung war die Abschaffung von Vormundschaftsverhältnissen. So gerne sich die einen über die anderen erheben, und so gerne sich auf der anderen Seite viele unterordnen, die Aufklärung hatte eine ganz andere, abstraktere, unbequemere und oft in schierer Verunsicherung endende Form der Herrschaft im Sinn: die Herrschaft von Regeln ohne Ansehen der Person, ob Nobelpreisträger oder nicht.

Die Geschichte der Aufklärung ist auch eine Geschichte von Rückfällen im Zeichen des Fortschritts, von Regelvergessenheit unter Berufung auf die Autorität der Methoden, von Interessenbestimmtheit im Tarnanzug lauterster Sachdienlichkeit. Nichts trübt den Blick auf die eigenen Irrtümer mehr als der Kampf gegen die unterstellten Irrtümer der anderen.

Die Gefahr der Unmündigkeit des Aufklärers selbst fängt mit der Blindheit für die Voraussetzungen des eigenen Wissens an. Sie setzt sich damit fort, dass er die Ungewissheit seiner Ansichten im laufenden Geschäft des Begründens, Verteidigens und Durchsetzens klammheimlich vergisst. Und sie endet bei der Diffamierung der Verblendeten, die diese Ansichten nicht teilen. Gerade unser Wissen über angebliche Krisen und Risiken beruht, weit stärker als anderes Wissen, auf Ermessen, selten nur auf zwangsläufigen Schlussfolgerungen. Krisenwissen steht am Ende eines ertasteten Wegs durch ein finsteres Labyrinth mit vielen Verzweigungen. Unmöglich, den Pfad von Willkürentscheidungen frei zu halten, selbst von solchen, die der Logik des Münzwurfs nahe kommen. Oft muss man seinen Weg zwischen gleich wahrscheinlichen, aber entgegensetzten Alternativen suchen, Wissenslücken durch bloße Postulate füllen und sich mit Plausibilisierung durch Einsammeln aller Pro-Argumente und Liegenlassen der Contra-Argumente Mut machen.
Krisentheorien und Risikoabschätzungen sind komplexe geistige Gebilde, Ausdruck der Selbstperfektionierung von Lebewesen, deren Existenz nicht Instinkte sichern, sondern vorausschauender Verstand. Wo wären wir ohne unsere Sorgen und Vorsichtsmaßnahmen? Wir wären nicht vorhanden. So weit, so gut. Der moderne Verstand will aber nicht nur Verstand sein, er will über sich selbst urteilen. Dann erst wird er zum mündigen Verstand, Kant würde sagen: zur Vernunft. Das klingt anspruchsvoll, aber es ist zu schaffen. Wer anderen zur Vernunft verhelfen will, muss selbst ein Beispiel dafür geben.
Erreichen die kleinen und großen Krisendiskurse der Gegenwart dieses Niveau? Skeptisch stimmt, dass sich in einigen dieser Diskurse allmählich geistige Immunsysteme herausbilden. Kritische, relativierende Argumente werden angegriffen wie Bakterien durch Helferzellen. Selbst der nächstliegende Vorbehalt bekommt das Stigma der Ketzerei angeheftet – der Hinweis auf eine universelle Voreinstellung menschlicher Aufmerksamkeit: Wir tendieren dazu, Krisen zu suchen, Probleme zu vergrößern und Normalität zu übersehen. Solche und andere geistige Immunreaktionen sollen die Durchschlagskraft von Krisenbotschaften erhöhen – auf die Dauer werden sie genau das Gegenteil erreichen.

Dieser Essay nimmt Krisendiskurse in den Fokus. Er bezweifelt ihre Notwendigkeit keineswegs, vielmehr bestätigt er sie durch die Frage nach ihrem Inhalt und ihrer Qualität. Dafür gibt es einen einfachen Gradmesser, auf den ich immer wieder zurückkommen werde: die stets gefährdete Selbstbeobachtung der Diskursteilnehmer. Wissen sie, was sie tun, wenn sie über Krisen reden? Wollen sie es überhaupt wissen? Kultivieren sie vernünftige Regeln, denen sich alle unterwerfen? Lassen sie zu, was sie am meisten ärgert und gleichzeitig am meisten voranbringt – die Skepsis?

Die Moral der Krisenkommunikation, gemessen an solchen Fragen, ist im selben Maß gefährdet, wie das Beschwören von Krisen und Risiken zunimmt, das Vorhersagen, Kommentieren, Planen, Organisieren, Institutionalisieren, Vorschreiben und Verbieten. Wie eine ansteckende Krankheit breitet sich immer wieder eine Geisteshaltung aus, die nach Jahrhunderten philosophischer Mühen besiegt schien: die Objektivitätstümelei. Ansteckend ist sie, weil sie durchsetzungsstark macht. Die von Objektivitätstümelei Befallenen gewinnen im Diskurs regelmäßig gegen die Skeptiker, es sei denn, alle halten die Regeln ein.

Objektivitätstümelei vergisst die Tatsache, dass es keine Sicherheit gibt. Wenn sich die Experten weltweit in dem Glauben bestärken, ihre Theorie sei ein unumstößliches Abbild der objektiven Wirklichkeit; wenn sie ihren Konsens für einen schlagenden Beweis halten statt für einen Anlass zum Zweifel; wenn Skeptiker als Leugner angeprangert werden – dann ist es an der Zeit, sich an Karl Poppers Satz zu erinnern: Alles Wissen ist Vermutungswissen.